Kultur

Die Marodeure rufen zum „Widerstand gegen den technologischen Angriff“ auf

Das çapulcu redaktionskollektiv formuliert in seinem Buch „DISRUPT!“ die Hoffnung, dass sich mehr Menschen den derzeitigen Entwicklungen widersetzen. Zu sehr würden sich Nutzer:innen der systemimmanenten Ungleichheit ergeben. Es brauche auch Sabotage am Kapitalismus, sagen die radikalen Autor:innen – verzetteln sich aber in teils verkürzter Kritik. Eine Rezension.

Die fiktive Stadt Metropolis (aus dem gleichnamigen Film von 1927) kurz bevor sie durch Sabotage der Arbeiterschaft an der "Herz-Maschine" zerstört wird. Public Domain Metropolis

„[Sich] der Steigerung des Gewaltpegels bis hin zu genozidalen Prozessen, wie sie derzeit schon erkennbar sind, entgegenzustellen“ lautet eine einleitende Forderung des çapulcu redaktionskollektivs in ihrem Buch „DISRUPT! – Widerstand gegen den technologischen Angriff“. Auf 160 Seiten listen die „Marodeure“ – so lässt sich çapulcu übersetzen – gesellschaftliche und technologische Entwicklungen auf, die zurecht als besorgniserregend anzusehen sind. Sie fordern eine „soziale Revolution“, aber geben neben Aufrufen zur Militanz keinen zufriedenstellenden Wegweiser dorthin.

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In 15 Kapiteln zeichnen die Autor:innen nach, wozu der Kapitalismus unter Einbeziehung von Technologie fähig ist. So nehme er „Usern“ erstens die Autonomie, selbst zu entscheiden. Produkte von Google und Facebook sollen nach Eigenangabe alternativlos sein. Bill Gates‘ unfreies Windows findet sich auf vielen, fast jedem Rechner – auch und gerade an Schulen, wo junge Menschen sozialisiert werden.

Buchcover mit Filmplakat von Metropolis All rights reserved Unrast Verlag

Zweitens helfen Technologie und kapitalistische Unternehmen repressiven Staaten, ihre Bürger:innen mittels Überwachung zu unterdrücken. Und wenn dies nicht repressiv, sondern farbenfroh durch von Versicherungen gespendete Gesundheitstracker geschieht, ist das auch zu kritisieren. Gerade so genanntes „Nudging“ erzieht den Menschen – hin zu jemandem, der mehr offenbart, als ihm vielleicht lieb ist.

All dies und mehr bringt çapulcu kompakt auf den Punkt. Die Wut und Sorge der Autor:innenschaft ist beim Lesen zu spüren. Leider verlieren sie dabei zu oft den roten Faden. Startet das Buch mit Wunsch auf mehr, endet es doch eher ratlos. Den Kapiteln, von unterschiedlicher Qualität und Länge, fehlt der Kontext. Sie vermischen all zu viele Aspekte, springen umher. Quellenangaben für die vielfachen Fakten und zitierten Studien bleiben in der Regel aus.

Radikale Utopie, bitte

An markigen Sprüchen mangelt es nicht: „Was ›sind‹ Smart Cities? Sie sind gar nichts! […] strategische Kopfgeburten aus den Hirnen informationstechnologischer unternehmerischer Schwergewichte wie Cisco, IBM, Google“. Da möchte mensch doch fragen, ja wie schaut euer Gegenentwurf, eure utopische Zukunft aus? Diese Antwort wollen sie nicht geben, dafür aber wie dort hinzugelangen ist.

Unter anderem fordern sie: 1. Nutzt freie Software, 2. hackt miese Unternehmen, 3. geht mit Informationen an die Presse und 4. sabotiert die Headquarter des Kapitalismus. Dem letzten Punkt, Sabotage, werden seitenweise Unterkapitel gewidmet, dazu ohne Einordnung oder Bewertung kopierte Bekennerschreiben bezüglich Aktionen gegen Infrastruktur und Firmensitze von linksunten.indymedia.org.

Zu einer Kritik, die Veränderung bewirkt, gehören auch Vorstellungen von einer Welt, wie sie sein sollte, und dies dann auch klar zu vermitteln. Mit dystopischen Auflistungen kommen die Akteure einer gewünschten Revolution weder aus ihrer Subkultur heraus noch erreichen sie den Großteil der Gesellschaft. Schlagen çapulcu doch nachvollziehbar mit dem Hammer auf die Missstände des globalen Kapitalismus und seine Verfehlungen, sollten wir auch den Strand unter dem Pflaster im Auge behalten.

çapulcu redaktionskollektiv: DISRUPT! – Widerstand gegen den technologischen Angriff. Unrast Verlag. 160 Seiten. 12,80 Euro.

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16 Kommentare
  1. Dann macht mal einen Anfang und widersetzt euch diesem be****enen Gender Geschreibsel. Man kann ja kaum noch 2 Sätze am Stück lesen ohne aus dem Kontext zu stolpern.

    Ja auch gegen Gender-Wahn kann man sich wehren!

    1. Geistreich. Erst einmal, für dein Textleseverständnis sehe ich mich als nicht verantwortlich. Zweitens: Warum reagierst du so angegriffen auf inklusives Schreiben?

        1. Puh. Finde die Argumente nicht überzeugend, auch wenn der Einstieg witzig ist.

          Bei einer Rezension zu einem Buch, das selbst in geschlechtergerechter Sprache geschrieben ist, würde ich nicht von einem „ideologisch motivierte[m] Spracherziehungsprogramm“ sprechen.

          Dann wäre auch jeder meiner Texte gegendert.

          1. Wenn du zwischen Männchen und Weibchen unterscheiden willst, mach es doch so, wie es die Deutsche Sprache vorsieht: „Autorinnen und Autoren“. Und von inklusiven Schreiben kann wohl kaum die Rede sein, schließlich unterschlägst Du all die anderen Gender-Varianten.

      1. Weil ich es nicht lesen kann.

        Ganz einfach. Mich interessiert das Thema des Artikels, aber ich kann es nicht lesen und das ärgert mich. Deshalb reagiere ich so. Ja wirklich. Bei jedem Doppelpunkt in einem Wort stockt automatisch der Lesefluss und meine Augen „stolpern“. Das ist so als würde ich versuchen einen Text voller Rechtschreibfehler zu lesen und zu verstehen. Das ist sehr anstrengend und lenkt komplett vom eigentlichen Thema ab.

        Und meine Meinung zu dem Gender Geschreibsel ist, dass man mit dieser Schreibweise immer wieder darauf hinweist, das es Unterschiede gibt anstatt es dem Leser zu überlassen. Ich denke bei Autor nicht automatisch an einen Mann. Es ist einfach eine Person mit dem Beruf Autor. Es gibt überhaupt keinen Grund Autor:innen zu schreiben. Außer penetrant auf etwas zu zeigen, was gar nicht existiert. Man kann sich Probleme auch schaffen wo keine sind.

        Greetz,
        GHad

        1. Ich finde ja die Doppelpunkte von der Lesbarkeit her die beste Variante um Texte geschlechtergerecht zu schreiben. Das stört den Lesefluss fast gar nicht. Mehr davon.

        2. Mimimi. Kannst du wohl. Du hast dich sicher auch mal daran gewöhnt, dass Texte nicht nur in Großbuchstaben geschrieben wurden wie in der blauen Fibel in der Schule. Vermute, du bist männlich. Je versucht, dich in die nicht männlichen Leser:innen hineinzuversetzen? Wie fändest du es, wenn DU bei jeder Nennung allgemeiner Personenschaft ausgeschlossen wärst? Zum Beispiel bei der Formulierung „Jeder Les… außer GHad“. Na wie wärs?

  2. Und wieder eine mögliche Diskussion ums Buch mit sinnloser Genderdiskussion aus der Spur gebracht. Als Autor würde ich alle Kommentare samt meinem löschen.

      1. wie wär es denn mit offtopic Markierungen an den Kommentaren? Das kann man ja relativ leicht feststellen ob ein Kommentar Inhaltlich zum Thema beiträgt oder nicht. Dann könnten die Kommentator:innen auch selbst diesen Marker setzen (checkbox, harhar) wenn sie merken, dass ihr Text sich nicht auf den Inhalt bezieht.

        Zusätzlich könnten Leser:innen diese sich dann ausblenden lassen oder ausgrauen oder sonstewas…

        Jaja, ich weiss schon, wird wie üblich niemand auf diesen konstruktiven Vorschlag eingehen.

        1. Danke! Doch, ich spreche es mal an. Auch wenn ein frühes Abwürgen, das ich selbst nicht toll finde, von solchen Kommentaren wohl „besser“ gewesen wäre.

  3. Kleiner Hinweis:
    Im Zitat zu Beginn des Artikels sollte das „[Sich]“ weg. Das Verb des Satzes ist „entgegenzutreten“, was kein reflexives Verb ist, zumindest nicht in diesem Zusammenhang. Vermutlich stand dort ursprünglich „entgegenzustellen“, wurde dann aber nachträglich geändert.

  4. „Marodeure“ war die Verunglimpfung von Demonstranten durch Herrn Erdogan. Soweit ich das richtig erkenne, verstehen sich die Menschen von capulcu aber nicht wirklich als „Plünderer im Rahmen von Kampfhandlungen“, was eine Beschreibung von „Marodeur“ ist, sondern verwenden diese Betitelung im ironischen Sinne.

    Deswegen finde ich es unglücklich, den Marodeur-Begriff ohne Anführungszeichen zu verwenden, weil das einen falschen Eindruck und eine gedankliche Vor-Verurteilung vor dem Lesen des Beitrags erzeugen/bewirken kann.

    Ist aber nur mein Eindruck …

  5. Sehr gute Kritik, ohne Konstruktivismus kommt man nicht weiter, ohne Geschichtswissen/Erfahrungssammlung noch weniger (weil man alte Fehler immer wiederholt).

    Wesentlich relevanter sind aber wesentlich grundlegendere Sachen[abseits begrenztem Aktionsradius]:
    1.Diskurshoheit für politische Macht[in Kombination mit einer anderen Aufmerksamkeitsaktion] mit konkret umsetzbaren, mehrheitsfähigen Ideen
    2.Kenntnisse der Effizienz und warum das Ganze geschieht (Konkurrenz von Volkswirtschaften)
    3.Machtgruppen und Vorgehensanalyse

    Falls man da realistisch was umsetzen möchte, benötigt man kompatible+mehrheitsfähige Ideologien für weniger kluge Menschen [als eine Ersatzreligion mit Versprechungen zum sich-Besser-fühlen/zukünftige Besserung/Nichtverschlechterung].

    Das derzeitige System baut auf Halbwahrheiten und gegenseitigem Ausspielen auf mit Aufmerksamkeitsentzug oder entsprechenden Verunglimpfungen bei entsprechender Positionsbesetzung bzw. der kompletten Propagandapalette.
    https://www.youtube.com/watch?v=aK1eUnfcK4Q

    In dem Artikel wird es als korrekterweise Selbstverleugnung durch Wegoptimierung dargestellt, aber augenscheinlich keine geschichtlichen Revolutionen/Änderungsbewegungen untersucht und wann diese geklappt bzw. wann nicht haben.

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