Öffentlichkeit

Der alternative Hoster Blogsport.de macht nach 13 Jahren dicht: „Wir sind erschöpft“

Blogsport.de will in einem Jahr die Plattform vom Netz nehmen. Mit dem Ende des einst weit sichtbaren Knotenpunktes der deutschen Blogosphäre stirbt ein Stück Protest- und Bewegungsgeschichte. Wir haben mit den Machern über ihre Entscheidung und die Veränderung der Blogkultur gesprochen.

Seit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke stagniere Blogsport. Die Idee, das alles an einem Ort zu versammeln, mache in Folge der sozialen Medien und ihrer Filter immer weniger Sinn, sagen die Macher der Plattform. (Symbol) CC-BY-NC 2.0 Colette Saint Yves

Der unabhängige Bloghoster Blogsport.de hat über Twitter angekündigt, dass er in etwa einem Jahr den Dienst schließen will. Die Plattform spielte in der Frühzeit der deutschen Blogosphere ab 2005 eine wichtige Rolle für meist linke Blogs und Webseiten von politischen Gruppen. Mit der besseren und einfacheren Verfügbarkeit von CMS-Systemen und vor allem dem Aufkommen von sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter verringerte sich ab dem Jahr 2009 die Bedeutung des Hosters.

Blogsport.de startete 2005 als Freizeit-Projekt von zwei Studenten, das ursprünglich nur für deren Freunde gedacht war. Doch die Studenten ließen die Registrierungsfunktion offen und wurden schon bald vom Interesse anderer Linker überschwemmt. „Bis 2009 wuchs unsere Plattform exponentiell, und wir sahen uns gezwungen, das Ganze in eine etwas professionellere Struktur zu überführen“, sagt Georg Klauda, der heute Geschäftsführer der Blogsport UG ist, gegenüber netzpolitik.org. Allerdings konnte nie jemand von dem Projekt leben, es blieb immer ein Freizeitprojekt, das sehr viel Aufmerksamkeit und Zeit erforderte.

Blogkultur: Verlinken und Kommentieren wurde immer unwichtiger

„Um 2009 war Bloggen der absolute Hype. Damals wurden Blogs noch viel von Einzelpersonen betrieben, die sich gegenseitig verlinkten und kommentierten“, erzählt Klauda. Er schätzt, dass über 10.000 Blogs auf der Plattform registriert seien. Aktiv wären heute aber nur mehr einige Hundert.

Doch die engmaschigen Verflechtungen, die früher die Blog-Community trugen, hätten sich heute eher auf Twitter und Facebook verlagert. Auch um den Preis, dass die Leute heute keine langen Essays mehr schreiben würden, sondern ihre Meinung in 280 Zeichen quetschten. Seit dem Aufkommen der großen sozialen Netzwerke stagniere Blogsport. Die Idee, das alles an einem Ort zu versammeln, mache in Folge der sozialen Medien und ihrer Filterblasen immer weniger Sinn. „Letztlich spielt es heute keine Rolle mehr, wo ein Blog gehostet wird“, sagt Klauda.

Blogsport.de war im Mapping der deutschen Blogosphäre im Jahr 2009 ein wichtiger Knotenpunkt. Die Folie stammt aus einem Vortrag von John Kelly, der heute CEO bei Graphika ist. Alle Rechte vorbehalten John Kelly

Auch habe sich die Blogkultur selbst verändert. Die Kommentarfunktion werde heute kaum noch genutzt. Diskutiert würden die Artikel nun eher in den Freundesnetzwerken auf sozialen Netzwerken, während die Blogs unter sich zunehmend isoliert seien. Blogsport hat versucht, die Vernetzung der Community mit dem Meta-Blog planet.blogsport.de zu fördern, jedoch ohne großen Erfolg, wie Klauda sagt.

400 Mal mit juristischen Anfragen beschäftigt

Nun soll also Schluss sein. „Nach 13 Jahren sind wir zunehmend erschöpft. Wir müssen uns um Technik, Support, Buchhaltung und das Beantworten von rechtlichen Beschwerden kümmern, obwohl wir selbst gar nicht mehr bloggen“, erklärt Klauda. „Wir haben das jahrelang aus Verantwortung für den Erhalt einer linken Szenekultur gemacht.“

In den 13 Jahren hat Blogsport ungefähr 400 anwaltliche Beschwerden, polizeiliche Ermittlungen, Klagedrohungen und Schreiben von Ordnungsämtern beantwortet. Zwar seien davon nur etwa drei Fälle vor Gericht gelandet, erinnert sich Klauda. Aber trotzdem. Er wolle auch mal in den Urlaub fahren, ohne sich Gedanken zu machen, ob gerade das nächste Anwaltsschreiben ins Haus flattert.

Ein Jahrzehnt linke Protest- und Bewegungsgeschichte

Eine der großen Fragen zum Ende von Blogsport.de lautet, was mit den Inhalten, die mehr als ein Jahrzehnt linke Bewegungs- und Protestgeschichte beinhalten, in Zukunft passiert. Schaltet Blogsport.de die Plattform im nächsten Jahr ab, gehen all die Artikel, Demonstrationsaufrufe und innerlinken Debatten unweigerlich verloren.

Klauda ist der Meinung, dass soziale Medien von ihrer ganzen Struktur her nicht auf Dauer angelegt sind. Aber es gebe im Blog-Bereich auch Ausnahmen, beispielsweise ein Archiv mit Vorträgen oder Recherchen über rechte Netzwerke, die noch heute von Aktivist:innen genutzt würden. „Letztlich ist es jedoch so, dass die Idee eines digitalen Archivs daran scheitert, dass jemand dauerhaft rechtliche Verantwortung dafür übernehmen muss“, sagt Klauda. „Schließlich enthalten Blog-Einträge potentiell auch Persönlichkeitsrechtsverletzungen, die zeitnah gelöscht werden müssen. Manchmal will auch jemand seine Jugendsünden vom Netz genommen wissen.“

Sollte also ein digitales Archiv von Blogsport.de online weiter bestehen, müssten die Macher auf niedrigem Level weitermachen. Das wiederum bringe eben auch eine rechtliche Verantwortung mit sich, die sich die Macher in Zukunft nicht mehr aufhalsen möchten. „Als Kompromiss können wir uns vorstellen, Blogsport offline zu archivieren und irgendwie auf anderem Wege zugänglich zu machen“, sagt Klauda.

Blogsport.de sei für weitergehende Vorschläge in Sachen Archivierung offen. In Frage kommt etwa auch die Wayback Machine von archive.org. Bis dahin sei der Dienst weiterhin online verfügbar und die Nutzer:innen könnten ihre Inhalte über eine Export-Funktion in eine XML-Datei speichern. Diese lässt sich bei anderen WordPress-Bloghostern oder eigenen WordPress-Instanzen einspielen. Auch für die hochgeladenen Bilder soll eine Lösung gefunden werden.

Insgesamt reiht sich das angekündigte Ende des Underground-Hosters in den Trend zur Zentralisierung des Netzes ein. Mit Blogsport verschwindet ein weiterer alternativer Ort, der es Menschen ohne große Technikkenntnisse erlaubt hatte, einen eigenen Publizierungskanal zu öffnen – und dabei den großen Datenkonzerne und Plattformen und deren intransparente Regeln aus dem Weg zu gehen.

14 Ergänzungen
  1. Wenn die EU erstmal mit Uploadfiltern und Urhebergedöns kommt wird ohnehin niemand mehr in er Lage sein solche Plattformen zu betreiben. Es Sei denn gleich konsequent im Darknet.

    Damit wird das Internet, der Ruhreichen EUdSSR sei dank ohnehin bald nur noch den zentralistischen, großen Plattformen gehören.

    1. „Insgesamt reiht sich das angekündigte Ende des Underground-Hosters in den Trend zur Zentralisierung des Netzes ein.“
      Ist doch das Gleiche wie in vielen anderen Branchen, wie z.B. die Fernbus-Branche. Schon im vorletzten Jahrhundert hat das jemand erkannt und als „Akkumulation des Kapitals“ beschrieben ;-)

  2. Das ist ein merkwürdiges Gefühl, von dem Untergang einer Platform zu lesen, die ich bisher nie wahrgenommen habe. All die Jahre ist mir kein einziges ihrer Blogs unter die Linse gekommen.

  3. Ich lese noch sehr gerne Blogs (danke RSS!) und kommentiere prinzipiell auch gerne dort. Allerdings sind viele der Kommentarfunktionen mit Disqus, oder anderen Platformen realisiert die sich mit FB/Twitter/etc verknüpfen, eine Wagenladung voll Analytics-Javascript laden von denen die Meisten bei mir geblockt werden. Bei solchen Blogs lass ich das Kommentieren dann auch

    1. Was ich nicht recht verstehe ist, warum die das Staffelholz nicht einfach weiterreichen.

      Bin mir sicher da fänden sich Interessenten, die das weiterbetreiben würden.

  4. Ich biete als Agenturinhaber Hosting für Unternehmen und Mittelständler an und würde jederzeit Blogger unterstützen, die ihr Ding datensparsam und DSGVO-konform betreiben möchten.

    Bisher habe ich allerdings leider wenig positives Feedback aus dieser Szene erhalten. Im Gegenteil: Es überwiegen Skepsis und auch eine Kostenlos-Mentalität.

    Viele Blogger hatten meines Erachtens sowieso keine Lust mehr auf ihr eigenes Ding.

    Neulich habe ich eine OPML-Datei gefunden und meinen RSS Reader wieder aktiviert. Denn nein, RSS ist keinesfalls tot.

    Was ich feststellte: Nicht RSS ist tot, sondern die Blogosphäre. Aber sowas von. Ein gefühltes Drittel aller relevanten Blogs aus dem deutschen Sprachraum, die ich früher abonniert hatte, sind entweder offline oder weisen einen jüngsten Post im Feed aus, der Jahre alt ist.

    Im englischsprachigen Raum gibt es – unter den Blogs, die ich immer las – durchaus einige mehr, die den langen Atem hatten, das langfristig durchzuziehen.

    Also – wenn ich für irgendjemanden etwas tun kann, dann unterstütze ich gern mit Hosting und Tipps zum technischen Betrieb. Was meine genauen Kontaktdaten betrifft bleibe ich öffentlich aber in Deckung, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass sofort „Schleichwerbung“ geschrien und herumgemeckert wird, wenn man seine Hilfe anbietet.

    Daher: Ich bin unter afdip5wzv8nf9kg at jetable punkt org bis 13.01.2019 für Rückfragen erreichbar bzw. falls Blogger technischen Support beim Hosting zum Selbstkostenpreis wünschen.

    Für die eigenen Inhalte haften muss natürlich jeder selbst. Impressum inklusive.

    1. „Für die eigenen Inhalte haften muss natürlich jeder selbst. Impressum inklusive.“
      Das war doch gerade der Vorteil bei Blogsport dass man hierauf verzichten konnte. Hättest du das mal in die erste Zeile deines Textes geschrieben… ;)

  5. Einen Blog zu betreiben ist sicherlich auch zeitaufwändig.
    Tatsächlich geht es mit Twitter/Facebook einfacher, weil hier die „Verbreitung“ von Meinungen schon eher gegeben ist, als es bei einem Blog der Fall ist.
    Das Facebookkonzept des „kommerziellen“ (vormals sozialen) Netzwerks beruht allerdings auf Werbung und Datenklau.
    Das will doch eigentlich keiner und ich frage mich, warum es keine Alternativen gibt, die besser als Facebook sind. Das kann doch nicht nur eine Frage des Geldes sein.
    Völlig unverständlich, dass allen voran die öffentlichen/staatlichen Institutionen und Partein hier auch noch als Trittleiter fungieren und diese Datensammelkraken dadurch noch weiter unterstützten.
    Natürlich alles mit Steuergeldern.

  6. Wirklich schade, wenn irgendwann nur noch die werbevermüllten Datensammler übrigbleiben sollten. Aber selber was eigenes aufsetzen und vor allem zu pflegen ist leider nicht so einfach, habe das mit Hubzilla gemerkt. Und sobald man seinen Blog wo anders hat, kann es wie jetzt leider passieren, das der Laden irgendwann dicht macht.

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