Kultur

Ferngesteuerter Drucker wirft Flugblätter gegen Erdoğan am Gezi-Park ab

Aktionskünstler vom Zentrum für politische Schönheit haben mit einer technisch raffinierten Installation Flugblätter auf den Gezi- Park in Istanbul herabregnen lassen, auf denen sie „Tod dem Diktator!“ fordern. Die türkische Polizei leitete Ermittlungen ein und fahndet nach einem Verdächtigen. Wir veröffentlichen exklusiv zwei Videos des ferngesteuerten Druckers in Aktion.

Ein Drucker am Fenster druckt Flugblätter gegen Erdogan. Sie fliegen aus aus dem Fenster auf die Straße. (Screenshot Video) All rights reserved Zentrum für politische Schönheit

Das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) veranstaltet seit einigen Tagen eine neue Aktion, die unter dem Namen „Scholl2017“ firmiert und an den Widerstand der Geschwister Scholl erinnern soll. Im Rahmen dieser Aktion hatte das ZPS einen Flugblattwettbewerb ausgerichtet und angekündigt, dass Schülerinnen und Schüler in Diktaturen Flugblätter verteilen würden.

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Den Auftakt direkt am symbolträchtigen Istanbuler Gezi-Park machte am Freitag morgen – nicht wie in der Pressemitteilung des ZPS behauptet eine Person, die Flugblätter verteilte – sondern eine geschickte technische Installation im Fenster eines Hotels. Dort hatten die Aktionskünstler einen über einen Cloud-Dienst ferngesteuerten Drucker angebracht, der über Minuten hinweg Flugblätter aus dem Fenster herausdruckte. Die Flugblätter segelten dann auf die Straße am Gezi-Park – bis Personen in das Zimmer eindrangen und den Drucker ausschalteten.

Flugblätter mit der Aufschrift „Tod dem Diktator“ schwebten aus Hotelzimmer herab

Zwei Kameras filmten die Aktion. Eine war oberhalb des Drucker platziert und blickte auf die Straße, die andere auf den Drucker selbst. Videos, die netzpolitik.org ansehen konnte, bestätigen dies. Zwei der Videos (4 MB, MP4 oder als Einbindung bei Twitter) veröffentlicht netzpolitik.org exklusiv, eines davon zeigt auch, wie Personen den Drucker stoppen (Video bei Twitter).

Auch der Ort des Geschehens und die Straßenszenerie lässt sich überprüfen: Die Aktion fand tatsächlich am Gezi-Park statt, der im Jahr 2013 Ausgangspunkt für landesweite Proteste in der Türkei gewesen war.

Auf dem Flugblatt selbst wird zum Widerstand gegen den autokratischen türkischen Präsidenten Erdoğan aufgerufen. Es endet mit dem Aufruf „Tod dem Diktator!“ Zusätzlich ist auf dem Flugblatt vermerkt, es sei vom Freistaat Bayern und der Bundesregierung finanziert. Das ist offensichtlich eine Provokation der Aktionskünstler, um für Verwirrung und politische Spannungen zu sorgen. Die Taktik verfängt: Türkische Nutzer machen in sozialen Medien die Bundesregierung für die Aktion verantwortlich.

Türkische Polizei ermittelt

Wie türkische  Medien berichten, hat die Polizei eine groß angelegte Untersuchung des Falles gestartet und fahndet nach einer Person, die von den türkischen Medien auch namentlich genannt wird. Die Medienberichte aus der Türkei und die gezeigten Bilder bestätigen auch den vom ZPS gegenüber netzpolitik.org geschilderten Aufbau der Flugblatt-Aktion mit dem ferngesteuerten Drucker und den beiden Kameras.

Dieses Video soll die Spurensicherung am Hotel zeigen:

Nach Auskunft eines Sprechers des ZPS war es die gefährlichste Aktion der Künstlervereinigung. In der Türkei sind tausende Personen und Regimegegner in Haft. Man habe deswegen besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen: Erst als die Person, die die Installation aufgebaut habe, außer Landes gewesen sei, habe der Drucker im Hotel angefangen, die Flugblätter zu drucken.

Update:
Mittlerweile hat das ZPS die Videos auch auf seinem Youtube-Kanal eingestellt:

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20 Kommentare
    1. Ich kann die beiden Videos ebenfalls nicht im Browser abspielen, Linux+FF.
      Ich weiß, daß das WebM-Format ein klein wenig größere Dateien erzeugt, aber stellt doch bitte dennoch (auch) diese freien Formate zur Ansicht zu Verfügung. thx, schönen Sonntag noch.

  1. Ich weiß nicht so recht. Schöne Provokation, wie üblich, aber das Problem ist: a) hilft es nichts und b) gefährdet es höchstens Angestellte des Hotels, denen im Zweifel eben zack zack vorgeworfen wird, zu Gülen zu gehören. Vielleicht arbeitet da jemand, der schon längst auf irgendeiner von Erdowahns Listen steht und der nun als Mitverschwörer verschwindet. Undurchdacht und gefährlich.

    1. Ja. Und mit wievielen Staaten hat die Türkei Auslieferungsabkommen? Die Person wird für den Rest ihres Lebens mit dieser Sache belastet.

  2. Ein Flugblatt ohne Todesdrohung hätte man noch als „politisch schön“ bezeichnen können. Mit dieser Aktion hat das ZPS der türkischen Opposition jedoch einen Bärendienst erwiesen – ihr erheblich geschadet. Sie hätten historisch und politisch so weit denken sollen, dass die Scholls – im Gegensatz zu ihnen – eine _innerdeutsche_ Opposition waren. Mit dieser Aktion dagegen liefern sie Erdogan und seinen Anhängern Munition für ihre Behauptung, ausländische Mächte hätten sich gegen die Türkei verbündet, würden sie unterwandern oder sich in ihre inneren Angelegenheiten einmischen. Erdogan macht das vor allem stärker und er wird es bestens auszunutzen wissen, darauf muss man sich einstellen.

    Nun könnte man annehmen, Erdogan könnte sich kaum selbst angegriffen zeigen, ohne zuzugeben ein Diktator zu sein. Wer Erdogans Inszenierungen aber einigermaßen begreift, der wird vorhersehen können, dass er eher zu denen gehört, die sich bei Bedarf vor ihre Anhängerschaft stellen und schreien: „Seht her, _sie_ nennen mich einen Diktator und rufen Tod dem Diktator. Bin ich ein Diktator?“ Und „das Volk“ (seine Anhängerschaft) ruft „Hayir“. „Bedarf es noch eines weiteren Beweises, dass ich recht hatte?“ Und „das Volk“ ruft „Hayir“.

    Diese Aktion ist nicht schön. Sie ist dumm …äußerst dumm.

    1. Ich stimme dir zu. Die einzige Wirkung dieser Aktion ist die Selbstinszenierung des Zentrums. Türkische Aktivist*innen werden damit nicht gestärkt, sondern weiter kriminalisiert. Bestimmt war das auch nicht mit Leuten in Istanbul abgesprochen. Die Aktion haben sich Deutsche in Berlin ausgedacht. Revolutions-Imperialismus quasi.

      1. >> Revolutions-Imperialismus

        Haben wir beim Brunnenbau am Hindukusch gelernt.
        Ach ne das war schon früher …
        als wir in Ex-Jugoslawien die (serbischen?) KZ’s geschlossen haben.

        Gerade vor der Wahl hätte das ZPS genug in Deutschland zu tun, finde ich.
        „Antidiskriminierungsgesetz für Algorithmen“ zugegeben …
        da ist eh Hopfen und Malz verloren. XD

        1. Die Aktion richtet sich (auch, vorallem?) gegen die deutsche Politik – das ist nur leider an der Oberfläche nicht so offensichtlich:

          Warum unterstützt die CSU den Kampf gegen die Diktatur?

          Keine Partei hat eine ähnlich große freiheitliche Tradition und ein ähnlich wertkonservatives Element der Bewahrung und Verteidigung der demokratischen Errungenschaften. Der Freistaat Bayern ist eine Insel des Glücks. Daraus leitet sich die Verpflichtung gegenüber jenen ab, die dieses Glück nicht besitzen, aber aufgrund ihres Menschseins verdienen. Die Landesregierung hat lange versucht, mit Diktatoren wie Putin zu reden. Nach dem „Trump-Schock“ fand in der Staatskanzlei ein Umdenken statt: Zuletzt reiste der Ministerpräsident mit vergifteten Pralinen nach Moskau. Aber wir haben mit unserem Kampf gegen die Diktatur gerade erst begonnen.

          — aus den FAQ von https://scholl2017.de/

          Auch die oben verlinkte Pressemitteilung ist aufschlussreich.

          1. @Matthias: Glückwunsch, drauf reingefallen. Du glaubst doch nicht im ernst, dass die Bayerische Staatsregierung deutsche Schüler dazu aufruft, in Diktaturen zur reisen und dort Flugblätter zu verteilen – geschweige denn eine Aktion zu starten, die nur im entferntesten diesen Eindruck erwecken könnte??? Glaubst du ernsthaft irgend ein Politiker, der in Deutschland demnächst Wählerstimmern erhalten möchte, könnte sich so einen Schwachsinn leisten – kurz nachdem ein Student namens Warmbier aus einem anderen autokratischen Regime nur noch tot zurück gekommen ist?

            Wenn nicht mal Deutsche hier Politik und poltischen Aktivismus richtig unterscheiden können, sondern die Sache sogar für eine von der Staatsregierung abgesegnete Aktion halten, wie sollen dann erst Türken erkennen können, dass es sich hier nicht um offizielle deutsche Politik handelt?

            Die Server von scholl2017.de und dem ZPS werden vom selben Hoster betrieben. Das ist zwar kein harter Beweis, aber ich bezweifle, dass die bayerische Staatsregierung den gleichen Hoster in Anspruch nimmt wie eine linke Aktivistengruppe.

          2. … zu schnell echauffiert. @matthias – ich ziehe meinen Kommentar zurück. Sieht eher aus, als hätte ich deinen Kommentar missinterpretiert. Zitate in Anführungszeichen hätten beim Lesen geholfen.

  3. Ja, wirklich schlimm. Die türkische Regierung ist ja auch bekannt dafür, sich nicht in die Angelegenheiten anderer Länder einzumischen, z.B. in die Deutschlands. Da hätte man wirklich mehr Rücksicht nehmen müssen.

  4. Man wusste bestimmt schon vorher, dass diese Aktion nur Erdogan nutzen wird. Vielleicht wurde der ZPS von AKP Agenten infiltriert? ;)

  5. Ich hätte eine Bitte: Weißt doch in dem Artikel noch darauf hin, dass hinter dieser Aktion wohl mehr steckt, als nur ein bisschen Provokation in der Türkei. Die Scholl2017.de Seite sollte man sich einmal ansehen – inklusive z.B. 60 Seiten „Unterrichtsmaterial“ über die weiße Rose. Das gibt vielleicht auch ein bisschen Kontext für den „Tod dem Diktator“-Aufruf.

    Diese Aktion scheint mit mehr an die Deutschen gerichtet zu sein als an die Türken…

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