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ePrivacy: Die Lobbymacht der Datenindustrie

Mit der ePrivacy-Verordnung könnten ab kommendem Jahr strengere Regeln für Tracking und die kommerzielle Verwertung von Daten durch WhatsApp und Co. kommen. Ein Bericht gibt nun Aufschluss über den immensen Aufwand, mit dem sich die Daten- und Werbeindustrie gegen mehr Regulierung wehrt.

Die Einflussversuche der Daten- und Werbeindustrie auf die Gesetzgebung der EU sind öffentlich kaum bekannt. Ein Report des Corporate Europe Obersavtory zeichnet nun nach, wie Google, Facebook, Telekom und Co. gegen eine starke ePrivacy-Verordnung lobbyieren. Gemeinfrei Kristina Flour

Die Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) gilt als Meilenstein in der Geschichte der Europäischen Union – nicht nur aufgrund ihrer Reichweite als erste verbindliche Datenschutzregulierung für die gesamte EU, sondern auch wegen der Art und Weise, wie sie entstanden ist. Fast fünf Jahre dauerte das Ringen um den Gesetzesakt. Es fand unter so extremem Druck von Interessenvertretern jeglicher Couleur statt, dass es seither den denkwürdigen Beinamen als „größte Lobby-Schlacht der EU“ trägt. Derzeit wird in der EU wieder über Datenschutz verhandelt – und ein Bericht der Nichtregierungsorganisation Corporate Europe Obersavatory (CEO) zeigt, dass das noch laufende Gesetzgebungsverfahren für die ePrivacy-Verordnung dem der DSGVO in Sachen Lobbydruck kaum nachsteht. Von einer größeren Öffentlichkeit unbemerkt versucht eine bemerkenswerte Allianz aus Datenfirmen wie Google und Facebook, Telekommunikationsanbietern wie der Telekom und Vodafone, Tech-Riesen wie Microsoft und Apple, Presseverlagen und dem Rest der Online-Werbeindustrie eine stärkere Regulierung mit allen Mitteln zu verhindern.


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Als kleine Schwester der Datenschutzgrundverordnung soll die ePrivacy-Verordnung Sonderregeln für den Bereich der elektronischen Kommunikation festlegen. Erklärtes Ziel ist es, den Schutz der Privatsphäre in der vernetzten Gesellschaft und die Vertraulichkeit der digitalen Kommunikation zu stärken. Konkret geht es unter anderem um Regeln für die kommerzielle Verwertung von Kommunikationsdaten durch Telefonanbieter oder Dienste wie WhatsApp, einfacheren Schutz vor Tracking und Sicherheitsvorgaben wie Verschlüsselung [Hintergrund].

Wie wir berichteten, ist diese Regulierung des Kommunikationsdatenmarktes von Beginn an hart umkämpft gewesen. Eine Konsultation der EU-Kommission zu Beginn des Gesetzgebungsverfahrens verdeutlichte im Sommer 2016 die klaren Fronten: Unternehmen und Branchenverbände sprachen sich gegen eine starke ePrivacy-Verordnung aus, Bürger und Zivilgesellschaft dafür.

Angriff auf die Demokratie

Der Bericht von Corporate Europe zeichnet nun minutiös nach, wo und wie das Big-Data-Business versucht hat, die Regulierungsbestrebungen der EU zu beeinflussen. Dabei kam der gesamte Werkzeugkasten des politischen Lobbyings zum Einsatz: Einzeltreffen mit hochrangingen Vertretern von Kommission und Parlament, Auftrags-„Studien“ zur Untermauerung der eigenen Position, die Ausrichtung oder Finanzierung von Veranstaltungen für einflussreiche Gruppen sowie Kampagnen mit offenen Briefen von Branchenverbänden und der Mobilisierung einzelner einflussreicher Unternehmen. Mit der fortwährenden Wiederholung zentraler Buzzwords wie „bessere Regulierung“ oder „Innovation“ habe die Industrie geschickt diskursive Anschlussfähigkeit an die EU-Blase hergestellt.

Dabei sei es von Beginn an ein zentrales Anliegen gewesen, die Debatte um die Verordnung so zu verschieben, dass es nicht mehr um Privatsphäre geht, sondern um Medienvielfalt, Fake News oder gar die Zukunft des Internets. Eine tragende Rolle spielten dabei die Versuche von Presseverlagen, einen möglichen Gewinn an informationeller Selbstbestimmung für ihre Leser als Bedrohung für die finanzielle Stabilität ihrer Branche und damit für die Demokratie zu framen. Allen voran übrigens der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger und der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger, die die Regulierungsbestrebungen ernsthaft als „Angriff auf den freien Journalismus“ geißelten.

Die Übermacht der Industrielobbyisten

Corporate Europe kommt zu dem Schluss, dass der Aufwand durchaus zu Erfolgen für die Industrie geführt hat. Gerade in der ersten Phase des Gesetzgebungsprozesses, in der die EU-Kommission ihren Verordnungsvorschlag erarbeitet hat, konnten die Vertreter der Datenbranche demnach ihre Lobby-Übermacht ausspielen. Gerade einmal fünf von 41 Treffen zum Thema ePrivacy hielten hochrangige Vertreter der EU-Kommission mit Organisationen der digitalen Zivilgesellschaft ab – alle anderen Termine gingen an Industrierepräsentanten. Allein die Deutsche Telekom und Microsoft konnten den Entscheidern ihre Position in jeweils fünf Einzeltreffen nahebringen, Google erhielt drei Termine und Facebook zwei. Andere Unternehmen überließen die Lobbyarbeit ihren Branchenverbänden.

Die Zahl der eigentlichen Treffen sei sogar noch höher, vermutet CEO, weil die von der EU-Kommission veröffentlichten Informationen nicht vollständig sind. So seien Runde Tische mit Anspruchsgruppen und von der Industrie organisierte High-Level-Konferenzen nicht in den Zahlen enthalten, da sie nicht als offizielle Lobbyisten-Gespräche gelten. Bei vielen weiteren Treffen zu anderen Themen wie der Datenschutzgrundverordnung sei das Thema ePrivacy vermutlich zudem angesprochen worden, ohne dass das in den Unterlagen auftaucht. Außerdem sind Corporate Europe zufolge weite Teile der federführend zuständigen Generaldirektion „Connect“ von der Transparenzinitiative der EU-Kommission ausgenommen – lediglich die Termine ihres Generaldirektors werden veröffentlicht.

Leichtes Spiel bei den Kommissaren Oettinger und Ansip

Der konkrete Einfluss des Lobbying lässt sich nicht eindeutig belegen, weil die EU-Kommission nicht verrät, was genau bei den Treffen besprochen wurde. Eine Informationsfreiheitsanfrage zu den Mitschriften der Treffen lässt sie laut Corporate Europe seit vier Monaten unbeantwortet. Doch dass die Konzernvertreter darauf zählen konnten, bei Entscheidern in der Kommission auf offene Ohren zu stoßen, ist sicher: Die (damals) zuständigen Kommissare waren schließlich Günther Oettinger und Kommissionsvizepräsident Andrus Ansip. Bei einem Ranking der industriefreundlichsten EU-Bürokraten landeten sie 2016 auf den Plätzen zwei und vier – kaum jemand traf sich so oft mit Unternehmenslobbyisten wie sie.

So ist es wohl zu erklären, dass ein verhältnismäßig datenschutzfreundlicher Kommissionsentwurf, der im Dezember 2016 geleakt wurde, bis zu seiner offiziellen Vorstellung im Januar 2017 deutlich verwässert wurde. Progressive Ansätze wie der, dass „Do Not Track“ bei der Installation eines Browsers bereits voreingestellt ist oder Betroffene sich bei ePrivacy-Beschwerden über Unternehmen vor Gericht durch NGOs hätten vertreten lassen können, waren plötzlich nicht mehr enthalten.

Zunehmend aggressiver Lobbyismus

Seit der Veröffentlichung des Kommissionsentwurfes lag der Ball beim EU-Parlament – und damit auch die Aufmerksamkeit der Lobbyisten. Mit erneuten Konferenzen, Cocktaildebatten, gesponserten Veranstaltungen sowie weiteren offenen Briefen und Auftrags-„Studien“ wurden die relevanten Abgeordneten bearbeitet. Praktischerweise waren beispielsweise zur Digital Assembly der EU-Kommission auf Malta, an der auch die Verhandlungsführer der größten Parlamentsfraktionen teilnahmen, dem Bericht zufolge wieder nur eine handvoll zivilgesellschaftlicher Vertreter eingeladen. Ihnen standen Dutzende Vertreter der Digitalindustrie und ihrer Agenturen gegenüber.

Weil die federführende Abgeordnete, die estnische Sozialdemokratin Marju Lauristin, im Sommer trotzdem einen Positionierungsvorschlag vorlegte, der von zivilgesellschaftlichen Organisationen positiv aufgenommen wurde, hat die Datenindustrie ihren Ton deutlich verschärft, so Corporate Europe. Der Bericht zitiert anonyme Quellen aus dem federführenden Innenausschuss, die von einem zunehmend aggressiven Auftreten der Lobbyisten hinter verschlossenen Türen berichten.

Genervte Parlamentarier

Doch auch öffentlich wurde der Ton zusehends rauher. So bezeichneten Werbelobbyisten die Ansätze von Lauristin als „extrem“, warnten, dass das Internet in Gefahr sei und beschwerten sich über die „Hysterie“, mit der Brüssel auf das Thema Tracking schaue. Wenige Wochen vor der wichtigen Abstimmung startete ein Bündnis aus Werbe- und Verlagsverbänden eine Kampagne mit kurzen Social-Media-Fimen. In den professionell produzierten Clips wird immer wieder die gleiche Geschichte erzählt: Weil durch die ePrivacy-Verordnung die Einnahmen durch „datenbasierte Werbung“ wegbrechen, bleiben Innovation, Start-Ups und neue Apps in Europa aus – „vom Tech-Mekka zur Tech-Einöde“.

Allerdings scheint es, als hätte die Industrie den Bogen dieses mal überspannt. Abgeordnete von Grünen, Linken, Sozialdemokraten und Liberalen zeigten sich zunehmend genervt vom Lobby-Dauerfeuer. Stellvertretend gibt der CEO-Report eine Äußerung der Verhandlungsführerin der Liberalen, der Niederländerin Sophie in t‘ Veld, wieder [eigene Übersetzung]:

Jedes mal, wenn wir neue Rechtsvorschriften erlassen wollen, hören wir das selbe alarmistische Geschrei, dass das diese oder jene Industrie zerstören wird. Wenn das wahr wäre, gäbe es in Europa heute kein einziges Unternehmen mehr, also lasst uns die Sache nicht dramatisieren.

Vorerst die Zähne ausgebissen

Anders sahen und sehen das offenbar die zuständigen Abgeordneten der christdemokratischen Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP). Sie haben Corporate Europe zufolge eine Reihe industriefreundlicher Änderungsanträge zu Lauristins Report eingereicht. Der CDU-Abgeordnete Axel Voss verglich die Datenschutzbemühungen seiner Parlamentskollegen gar mit iranischen Religionswächtern.

Kurz vor der entscheidenden Abstimmung im federführenden Innenausschuss in der vergangenen Woche brach der konservative Verhandlungsführer, der Pole Michal Boni, die Kompromissverhandlungen mit dem pro-Privacy-Bündnis aus Sozialdemokraten, Liberalen, Grünen und Linken auf Druck seiner Fraktion ab. Der Grüne Verhandlungsführer Jan Phillip Albrecht warf der EVP vor, sich in den „Klauen einiger weniger Radikaler“ zu befinden, „die schon bei der Datenschutz-Grundverordnung gezeigt haben, dass sie an keinem vernünftigen Kompromiss für eine einheitliche europäische Rechtslage interessiert sind.“

Bei der Abstimmung setzten sich dann aber doch datenschutzfreundlichen Kräfte durch und erreichten eine hauchdünne Mehrheit – sehr zur Freude vieler Vertreter der digitalen Zivilgesellschaft. So lobte etwa European Digital Rights die Standfestigkeit der Parlamentarier gegen die industriellen Lobbyübermacht.

Die Schlacht ist noch nicht vorbei

Entschieden ist die Sache damit allerdings noch lange nicht, denn nun steht der nächste Schritt im Gesetzgebungsprozess an: Der Trilog zwischen Parlament, Kommission und Rat. Zum einen könnten die Abgeordneten der Europäischen Volkspartei versuchen, in der kommenden Woche das vom Ausschuss erteilte Verhandlungsmandat im Plenum des Parlaments aufzuhalten oder zu verwässern.

Zum anderen steht eine Positionierung der im Rat organisierten EU-Mitgliedstaaten noch aus. Bereits bei den Verhandlungen um die Datenschutzgrundverordnung war es der Industrielobby immer wieder gelungen, erheblichen Einfluss auf die Positionen der Mitgliedstaaten zu nehmen. Aufgrund der Intransparenz des Trilog-Verfahrens ist dieses für eine undurchsichtige Manipulationsversuche durch Lobbyisten besonders anfällig.

Corporate Europe berichtet bereits von einem Positionspapier der deutschen Regierung, in dem zwar auch die Bedeutung informationeller Selbstbestimmung benannt wird, gleichzeitig aber festgehalten wird, dass diese „legitimen Geschäftsmodellen“ nicht im Wege stehen dürfe. Die womöglich zweitgrößte Lobby-Schlacht der EU ist noch lange nicht vorbei.

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16 Kommentare
  1. Jetzt mal abseits der ganzen Hysterie: Was ist eigentlich so schlimm am Online-Tracking? Man geht auf eine Seite, bekommt einen pseudonymisierten Cookie mit begrenzter Gültigkeit und so lange man den hat, sieht man Anzeigen von Werbetreibenden. Ist ja nicht so, dass da Infos in Form von Klarnamen abgelegt würden.

    Und wer sich pauschal an bunten Displayanzeigen stört, der installiert halt einfach einen Blocker – darf sich dann aber natürlich nicht wundern, wenn plötzlich mehr Bezahlschranken auftauchen.

    1. Was daran schlimm ist?

      1. Wenn der Staat für das Abhören der Kommunikation seiner Bürger schwere und schwerste Straftaten anführen muß und das ganze unter Richtervorbehalt steht, dann ist es völlig widersinning, dass die Wirtschaft Menschen rein aus Profit abhören darf (und jede Möglichkeit des Widerspruches und der Kontrolle von Seiten der Bürger ins Leere läuft).

      2. Die Perversion dieses Systems sieht man daran, dass ein Opt-Out nicht bedeutet, dass das Tracking eingestellt wird – man bekommt lediglich keine personalisierte Werbung mehr ausgespielt, die Profile werden aber weiterhin mit Trackingdaten angereichert.

      3. Wie kommst Du darauf, dass Pseudonym gearbeitet wird? Beweise? Kontrollmöglichkeiten?

      1. zu 1.: Das ist doch überhaupt nicht vergleichbar. Die Infos, die der Staat sammelt, sind: „Max Meier, geboren am 30.03.1985 hat am 22.Oktober für 30 Minuten mit Nutzer Hans gechattet und sich danach für 5 Minuten einen Porno mit dem Titel „Große Brüste“ angesehen. Die Infos hingegen, die Unternehmen haben wollen, sind: Nutzerpseudonym 72893dhi721 guckt sich primär Kleidung in roten Farben und Größe M in unteren Preissegmenten an. -> „Google, bitte spiel dem Nutzer 72893dhi721 bitte Onlinebanner mit roter kleidung aus, die gerade im Sale ist.“

        Zu 2.: Deine Info ist falsch. Wer bereits heute gesetzeskonform trackt, darf nach dem expliziten Opt-Out keine Daten mehr erheben. Das wird verhindert, indem der Opt-Out-Cookie vor dem Tracking-Script geladen wird und dieses gegebenenfalls unterdrückt. Was viele unseriöse Werbetreibende hingegen tatsächlich häufig ignorieren, ist die Standard-„Do not Track“-Einstellung der Browser. Wer aber den expliziten Opt-Out ignoriert, verstößt bereits jetzt gegen geltendes Gesetze

        Zu 3.: So funktionieren die gängigen Analysetools. Das kann man in deren Dokumentationen nachlesen oder man guckt sich die Profile in den Tools selbst an: Dort stehen nur kryptische Buchstaben-Zahlenkombination. Wie kann man gucken, ob geltende Gesetze eingehalten werden? Ganz einfach: Schauen ob IP-Anonymisierung aktiviert ist (Falls nicht, ist das bereits jetzt ein Verstoß). Kann man kontrollieren bei Google zB direkt im Tracking-Skript anonymizeIp muss auf true gesetzt sein. Dann kann man im Netzwerkprotokoll anschauen, welche Daten wirklich erhoben und weitergegeben werden. Falls das zu komliziert ist: Es gibt Tools, die die Query-Strings aufarbeiten und übersichtlich in Tabellenform darstellen. Dann weiß man ganz genau, was übergeben wird. Wenn man sich das anguckt, wird man überrascht sein, wie weit zurück die Unternehmen tatsächlich sind und wie wenig Infos dort eingehen (einfach mal bei Karstadt gucken).

        Ergänzung: „Ja, aber bei geringem Nutzeraufkommen und klug gesetzten Filtern kann auch ein pseudonymisiertes Profil auf einzelne Nutzer heruntergebrochen werden.“ (zB wenn man aus einer ganzen Region nur einen Nutzer hat) – Ja, stimmt. Das ist dann der Teil, wo zB Google Analytics den Bericht verweigert und stattdessen eine Meldung ausgibt: „Leider stehen zu wenig Daten für diese Berichtstiefe bereit“

        Zu dem anderen Kommentator: Nein, man ist nicht der Verlierer. Ja, ich persönliche finde dynamische Auspreisungen auch ein wenig doof. So doof, wie ich auch Senioren- oder Studentenrabatte an Kinokassen finde. Klar, das ist nochmal eine andere Dimension, aber davon kann man absolut auch profitieren. Mein Tipp: Einfach öfters mal Produkte angucken, in den Warenkorb packen, aber nicht sofort kaufen, sondern warten. Die Wahrscheinlichkeit, dass man einen Rabattcoupon auf das gewünschte Produkt erhält, ist ziemlich hoch. – Das ist doch ein guter Vorteil. Sicherlich, bei bestimmten Produkten sollte eine solche Praxis verboten sein, ist es aber jetzt ja schon durch Regelungen zu Wucher etc.

        Insgesamt dient das Tracking (gut durchgeführt) auch der Qualitätssteigerung: Seiten können besser gebaut werden und auf Kundenwünsche kann besser reagiert werden (Welche Artikel werden am meisten gelesen? Welche Themenbereiche klicken am besten?). Und anders als bei der nervigen Plakatwerbung an Bahnsteigen, zu denen ich niemals die Möglichkeit eines Opt-Outs hätte, werden mir Online-Banner zu Produkten gezeigt, die mich wirklich interessieren.

        – Man merkt: Ich arbeite in dem Bereich. Ich will mich gar nicht als der Advokat der Tracking-Industrie hinstellen, aber bisher habe ich mich und meine Arbeit immer als dem Kunden dienlich gesehen. Ehrlich gesagt überrascht mich, dass das so negativ gesehen wird. Überall dort, wo ich gearbeitet habe, wurde Tracking anonymisiert und gesetzeskonform eingesetz. Mir ist bewusst, dass es auch schwarze Schafe gibt, aber wer gegen geltende Gesetze verstößt, kann ja nicht als Standard angenommen werden. Deshalb habe ich hier nachgefragt, um die „Gegenseite“ besser zu verstehen.

        1. Ich erhebe einen Copyright Anspruch auf meinen digitalen Fingerabdruck, der ist moderne Kunst! :)

          Daher grundsätzlich Opt-In und ich nehme natürlich unverbindlich Angebote für nicht-exklusive Nutzungsrechte an diesem Kunstwerk entgegen.

          Meine Daten sind nicht euer leistungsloses Einkommen.

  2. Wer getracked wird, kann besser analysiert werden was seine Wünsche und was seine finanziellen Möglichkeiten angeht. Die Unternehmen nutzen dieses Wissen, um dir erstens entsprechend Werbung präsentieren zu können und zweitens einen individuell hohen Preis nennen zu können.
    Als Konsument bist du der Verlierer.

    1. > Wer getracked wird …
      Zuviel „gedownloaded[!sic]“?

      Aber nun ernsthaft zum Thema: „Als Konsument bist du der Verlierer.“

      Der Satz, so allgemein, wie er da steht ist ist eine Falschaussage. Aber als Leser hat man die Aufgabe zumindest einen wohlwollenden Verstehensversuch zu unternehmen, und der der glückt auf Anhieb, lässt man den ehrlich erworbenen Stereotypen freien Lauf.

      Das Wort „als“ im Zitat verweist auf ein Rollen-Verhalten. Akzeptable Rollenverhalten sind erlernt und passen sich durch Erfahrung an. Als Beispiel könnte man sich an seine ersten Restaurant-Besuche erinnern. Auf unterschiedliche Situationen werden unterschiedliche Verhaltensmöglichkeiten entwickelt. Manche gelangen dabei zu der Einsicht: „Wer nicht bereit ist aufzustehen, der sollte sich besser nicht hinsetzten.“

      Menschen mögen es nicht, hinter die Fichte geführt zu werden. Selbst der Dümmste merkt irgendwann, wenn er über’s Ohr gehauen wurde. Damit die kapitalistische Ästhetik keinen endgültigen Schaden nimmt, hat man den Verbraucherschutz ersonnen, um ala long wertvolle Kaufkraft prekärer Kohorten zu erhalten.

      Doch selbst rituelle Kaufhandlungen unterliegen dem Wandel des Zeitgeists. Hierbei geht es nicht mehr etwa um „Geiz ist geil“, sondern um die intellektuelle Entdeckung der eigenen Käufer-Macht. Ein aktuelles Beispiel soll dies verdeutlichen:

      Wer östliche Oligarchen liebt, und eine freie Presse für ein Hindernis hält, der tut gut daran „Golden Toast“ zu konsumieren, oder gleich die gesamte Produkt-Palette der Lieken AG. Auch andere Gründe wie EU-Feindlichkeit oder Migranten-Angst sprechen für den Verzehr von „Golden Toast“ oder „Lieken Urkorn“. Jeder Biss in diese Produkte zählt für den Alleinbesitzer der Lieken AG, Herrn Andrej Babiš, der die Parlamentswahl in Tschechien mit massivem Vorsprung gewonnen hat.

      Hingegen jenen, denen Korruption ein Dorn im Auge ist, oder jenen die nicht „den Staat wie eine Firma gelenkt“ haben wollen, denen wird „Golden Toast“ beim Frühstück Übelkeit verursachen. Als informierter Verbraucher trifft man konsequente Kaufentscheidungen, und kuriert damit die Zumutungen des Tages.

      Es gibt unzählige solcher Bruchlinien, an denen Konsumenten/Verbraucher ihr jeweiliges Wohlbefinden anreichern können. Das Wohlbefinden bei solchen Kaufakten nährt sich aus dem Vollzug bewusster Machtausübung. Marktstrategen nennen dies Abstimmung an der Laden-Kasse, sie kann je nach Windrichtung Füllhorn oder Ruin bedeuten.

      Wer will jetzt noch den Konsumenten „als Verlierer“ bezeichnen? Der tägliche Kaufakt bietet Raum für freie Entscheidung, wenngleich eine aufgeklärte Entscheidung einem nicht aufgedrängt wird. Die muss man sich schon selbst erschließen.

      Wer aber gesteigerte Lust oder gar Erfüllung aus seinem Opferdasein zieht, dem sei geraten, vor der Glotze keine Werbepause zu versäumen.

    2. > Damit die kapitalistische Ästhetik keinen endgültigen Schaden nimmt, hat man den
      > Verbraucherschutz ersonnen, um ala long wertvolle Kaufkraft prekärer Kohorten zu
      > erhalten.

      Aha.
      „Man“ hat den Verbraucherschutz erfunden. Wer hat das wann getan und warum? Wer war dafür und wer dagegen, damals?
      Und wieso versucht – heute wie damals – die Industrie die Übertragung des Selbstbestimmungsrechtes und der Informationsrechte des Verbrauchers ins Internetzeitalter zu verwässern? Wieso gibt die Industrie so viel Geld für Analysen und Tracking aus? Und wenn alles ganz harmlos ist und Tracking „nur“ für Komfortfunktionen genutzt wird, warum muss ich dann solche Pressemeldungen lesen:

      http://europa.eu/rapid/press-release_IP-14-917_de.htm

      Wieso ist da von 100% Preisunterschieden die Rede?

  3. Und noch ein Punkt, was aus meiner Sicht gesetzlich sinnvoll ist: Es muss ein Hinweis angezeigt werden (wie es viele Seiten bereits machen) und es muss ein Opt-Out möglich sein. Das wäre ein Kompromiss: Wer absolut anonym sein will, kann das dann damit machen. Und die ganzen Webseiten müssen keinen ganz so radikalen Einschnitt befürchten.

  4. Ich möchte darauf hinweisen, dass mittels Tracking nicht nur individualisierte Werbung generiert werden kann.

    Mit der gleichen Technik kann auch individualisierter Content an den nichts ahnenden User gebracht werden. Dies steigert die emotionale Resonanz und Bindung ganz erheblich.

    Ist dies schon für sich perfekt geeignet, spezielle Echokammern zu konstruieren, so lässt sich das Ganze noch weiter treiben.

    Wenn sich nun auch noch news-sites an diesem Spiel beteiligen, wird das Manipulationspotential dieser Technologie in seiner ganzen Schönheit begreiflich.

    Nicht wenige benutzen alternative Medien wie Facebook auch als Nachrichten-Quelle, ohne dass jemals eine kritische Medienkompetenz erworben wurde, bzw. erworben werden konnte. Mark Zuckerberg ist eine Persönlichkeit mit Visionen, das Geld, das er mit Werbung erwirtschaftet, ermöglicht es ihm, seine eigentlichen Ziele zu verfolgen und zu finanzieren.

  5. Alle Kommentatoren und lesende sollten folgendes ganz dringend bedenken: Wenn ihr zukünftig Google und Facebook-Dienste nutzt, dann werdet ihr irgendwo in den AGBs einem Tracking zugestimmt haben. Wie sie das ausgestalten, wird sich zeigen. Fakt ist (und der ist auch nicht alternativ), dass exakt die, auf die am meisten geschimpft wird, profitieren werden. Sollen sie auch. Haben ja scheinbar hervorragend allen den Kopf gewaschen und erfolgreich Politiker lobbyend manipulieren können, dass jetzt alle nachplappern, dass Google & Facebook das mal schön schaden wird.

    Und dann @mani pula toren wird exakt das weiterpassieren: Zuschnitt des Facebook Feeds auf den User ohne wenn, aber oder moralische Bedenken….

    Ebenso würde ich dafür plädieren, dass alle mit Payback-Karten, elektronischen Kundenkarten (Douglas-Kreditkarte, Toom-Kundenkarte, etc. pp.) einem Dauer-Opt-In unterliegen. Denn so sehr kann euch Tracking ja doch nicht stören. Bitte verbietet auch eurem Stamm-Weingeschäft, euch neue Weine basierend auf bisherigen Käufen vorzuschlagen.

    @Grauhut: „Meine Daten sind nicht euer leistungsloses Einkommen.“ – Spiegel Online, andere Nachrichtenportale etc. die erbringen dir keine Leistung, stimmt’s?

    PS: Für Spätmerker – da war Ironie dabei. Stellen sucht euch aus.

  6. Hallo Ihr ahnungslosen Vögel,
    denkt doch mal 2 Sekunden drüber nach, wem die neuen ePrivacy-Regeln etwas nützen und wem sie schaden:

    1. Dem digitalen Mittelstand werden ein paar nervige Steine in den Weg gelegt.
    2. Die Großen (Google, Facebook,…) haben längst das Einverständnis der User eingesammelt und machen ungebremst weiter.
    3. Die Abmahnanwälte dieser Welt sacken sich ein paar Mios extra ein, weil Fritzchen, der Reiseblogger sich nicht an die neuen Regeln hält.

    Wer hat die Verordnung vorangetrieben? EU-Bürger, die nach Freiheit streben? Nein, es waren Google & Co., die uns steuerspartechnisch erstmal Frauen und Kinder geraubt haben. Und nun fressen sie noch unser Gehirn.

    Und die Kommentare bei netzpolitik.org zeigen, wie Ihr Lämmer Euch alle auf die Schlachtbank führen lasst.

    Bravo!

    1. Zum Mythos, dass „nur die Großen“ profitieren und nur unser armer deutscher Tracking-Mittelstand darben wird, empfehle ich dieses Interview: https://netzpolitik.org/2017/eprivacy-mythen-unter-der-lupe-eine-der-schlimmsten-lobby-kampagnen-die-wir-je-erlebt-haben/

      Dass die Verordnung von „Google & Co.“ vorangetreiben wurde, ist schlicht quatsch. Sie haben von Beginn an gegen die ePrivacy-Verordnung lobbyiert. Nachzulesen unter anderem hier: https://netzpolitik.org/2016/anstehende-grundsatzentscheidung-der-eu-schutz-der-menschen-oder-schutz-der-geschaeftsmodelle/

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