Kultur

Digitales Trinken: Wie das SmartGlass mit der Bier-Cloud spricht

Klingt wie ein Aprilscherz, ist es aber nicht: smarte Gläser, die meinen Bierkonsum mit der Cloud teilen. Bestellung per Smartphone und QR-Code, menschliche Interaktion wird auf ein Minimum reduziert. Eine (Liebes-)Erklärung, warum mein Bierglas nicht intelligent werden soll.

Niemand behauptet, Biertrinken wäre sonderlich smart. Das darf auch gern so bleiben. (verpixelt) CC-BY-NC 2.0 Philipp Martin

Es ist Wochenende. Zeit, über die Digitalisierung des Biertrinkens nachzudenken! Wer jetzt ein Fragezeichen auf der Stirn hat, fühlt sich in etwa so wie ich, als mir das Telekom-Magazin „Digitaler Mittelstand“ zufällig in die Hände fiel. „Wenn sich das Bierglas in der Cloud meldet“, prangt über einem Artikel in türkisfarbenen Lettern in der Print-Ausgabe. Hätte ich ein Bierglas in der Hand gehabt, es wäre mir wohl auf den Boden gefallen.

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Der Glasproduzent Rastal will den Sprung in die digitale Zukunft schaffen, indem er Biergläser smart macht. Und die Bar gleich mit. In der Zukunftsvision von Rastal würde mein nächster Barbesuch wohl folgendermaßen ablaufen: Ich komme in eine Bar mit schnieker Hochglanz-Inneneinrichtung. Monochrom gehalten. Um mich herum Menschen, die auf ihre Smartphones starren. Nicht, weil sie nicht mit ihrem Gegenüber reden wollen. Nein, sie sind gerade dabei, das nächste Bier zu bestellen.

Mein Smartphone, das Bier und ich

Auf dem weiß lackierten Designertisch prangt ein QR-Code. Souverän zücke ich mein Smartphone und scanne den Code ein. Die Getränkekarte erscheint. Helles, Dunkles, Radler. Lieber einen halben Liter oder fange ich erstmal mit einem 0,33er-Glas an? Ich wische hin und her, kann mich nicht entscheiden. Am Ende bestelle ich das Gleiche wie immer. „Absenden“ drücken, erledigt. Keine Minute vergeht und es erscheint eine Bedienung. Er stellt mir das SmartGlass auf den Tisch und sagt „Bitte sehr“. Ich antworte mit Danke, mehr werde ich heute Abend nicht mit diesem Menschen reden. Am Ende des Abends bezahle ich über die Mobile-Payment-Option und verschwinde wieder.

Nachdem der Mensch am Tresen das Bier gezapft und bevor die Bedienung es mir gebracht hat, wurde das Bier noch kurz auf der SmartBar abgestellt. Die erfasst über einen Funkchip das Glas und kennt Füllmenge und die zum Glas gehörige Biersorte. Das soll Gastronomen und Getränkelieferanten das Leben leichter machen. Damit sie Kundengewohnheiten besser analysieren können. Getränkehersteller sollen sich so „in einem stark umkämpften Markt durch neue Kunden-Insights besser positionieren“ können. Wer will so etwas?

Ein Appell wider die Effizienzsteigerung

Bisher bekommt meine Stammkneipe es ganz gut hin, ihre Bestellungen zu planen. Sogar damals schon, als noch alles analog lief. Meiner Lieblingsbarkeeperin ist es egal, ob ich erst ein Bier und später einen Gin Tonic trinke oder umgekehrt. Am Ende des Abends sind die Flaschen leerer, egal, wer was trinken mag und wann er oder sie das tut. Im Sommer läuft das Radler besser, im Winter das dunkle Bier. Was für die Bestellung interessiert, ist die Summe und die Erfahrung der Barbesitzer.

Und nein, ich will meine Getränke nicht in Hochgeschwindigkeit geliefert bekommen und es ist mir egal, ob das Tablet die Bestellung viel schneller überträgt als ein Kellner laufen könnte. Das führt der Chefdesigner Carsten Kehrein übrigens als Argument an. Ich will keine Beschleunigung beim Biertrinken. Ich will die Gelegenheit haben, mit der Lieblingsbarkeeperin ein paar Minuten über das Wetter und die S-Bahn Berlin zu lästern, bevor ich entscheide, vielleicht heute doch eine Apfelschorle zu trinken. Oft weiß sie sowieso schon, was ich trinken will, bevor ich das tue. Ganz ohne App. Mit der SmartBar könnten einige Kellner und Barkeeperinnen eingespart werden, aber ich würde dann wohl nicht wiederkommen. Und mein Bier lieber für weniger Geld zu Hause trinken.

Einwilligung in die Datenverarbeitung bei 1,5 Promille

Ich will nicht, dass in die Cloud übertragen wird, was ich letztes Wochenende getrunken habe, auch nicht pseudonymisiert. Fragt mich eigentlich bei der Bier-Cloud jemand, ob ich der Datenverarbeitung zustimme? Der Übermittlung an Getränkehersteller? Und ist meine Zustimmung nach dem fünften Glas noch besonders wirksam? Und was kommt in fünf Jahren? Fragt in Zukunft die Krankenkasse, wie viel ich an einem durchschnittlichen Montag so getrunken habe?

„Wer ein Glas digitalisieren kann, kann auch alles andere digitalisieren“, sagt Rastal-Inhaber Raymond Sahm-Rastal. Damit mag er Recht haben, es gibt ja schon smarte Salzstreuer mit eingebauten Lautsprechern und Toaster, die Freunden Nachrichten auf das Brot brennen können. Und wehe, böse Ransomware macht das System kaputt und das Bier fließt nicht mehr. Wäre schade drum. Prost.

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7 Kommentare
  1. Smarte Menschen brauchen weder Smartphones noch Smartbier. Das „smart“ ist nur für jene attraktiv, die es nicht selbst sein können.

    Nicht alles was technisch möglich ist, ist auch sinnvoll oder erwünscht oder legal.

    Legal ist, dass ein Glashersteller versucht sich interessant zu machen. Doch ich denke, dass Gastronomen in ihrer Bodenständigkeit kaum geneigt sein dürften, diese Dummheit aufzugreifen. Sie kennen ihre Gäste eben besser, als der CEO einer Glasfabrik, und der Umsatz ist ist dann doch existenziell.

    Wer befürchten muss, dass ihn sein selbstfahrendes Auto nach einer durchzechten Nacht bei der nächsten Polizeistation abliefert, der wird mit der Zeit „smarte“ Produkte eben meiden, wie der Teufel das Weihwasser.

    Ich finde es gut, dass kreative Unternehmer ihre Zukunftsergüsse in die Welt spritzen. Da erscheint die Gegenwart dann doch lebenswerter. Ich persönlich freue mich schon auf die Hitliste der der größten Flops und Desaster der schönen neuen Welt.

  2. Leider wieder ein typisches Beispiel, wie eine eigentlich gute Idee, durch zu viele Zusatzfunktionen die dem Endanwender keinen Mehrwert bringen, negiert wird.

    Was würde ich manchmal für einen Sensor am Glas geben, der z.B. mittels Signal über dem Tisch anzeigt: Glas leer – Bedienung bitte mal vorbei schauen. Oder ein LED, was das Glas rot leuchten lässt, damit es der Bedienung besser auffällt.

    Schneller wie du (Anna) vermutest, wird das Bier wahrscheinlich eher nicht an den Tisch kommen. Denn die Technik soll ja schließlich auch Bedienungen einsparen. Wahrscheinlich wird es sogar länger dauern. Da der Service nur noch Gläser tragen muss, kann man dann ja jede Pfeife (sry) einstellen.

    Spannend finde ich vor diesem Hintergrund, dass man als Produktentwickler früher immer die Zielgruppe und deren Bedarf, weniger die Bedürfnisse im Blick hatte. Heute scheint mir, dass Entwicklungen vorrangig mit Blick auf den Bedarf des dahinter stehenden Systems voran getrieben werden. Der Mehrwert für den Benutzer wird dabei gerne nur noch auf der Bedürfnis-Ebene, als Marketing-Mittel gesucht.

    So und jetzt geh ich erst einmal in mein Lieblings-Cafe, wo ein freundliches „Morgään“ in die Runde eine Espresso-Bestellung auslöst. Bisschen Smalltalk. Irgendwann lass ich dann 1,50 auf der Theke liegen, ruf „Bis dann, bye“ in die Runde und wech. Gastronomie sollte dann doch etwas mehr sein als nur Kunden abfüllen. – Und so ist das in vielen Branchen.

  3. „Mit der SmartBar könnten einige Kellner und Barkeeperinnen eingespart werden“ – genau darum gehts es. Nicht um „bessere Kunden-insights“ (*), nicht um bessere Planbarkeit des Bierkonsums. Einzig die Reduzierung des Personals in der Gastro. In der Küche fing es mit Convenience Food an, um die teuren Köche endlich loszuwerden; im nächsten Schritt sind die Kellner dran. Es folgt: Automatenbar – natürlich Smart mit Cloud und App, damit es für den Kunden ein noch größeres Erlebnis wird.

    (*) Ich liebe dieses strunzdumme BWL’er-geschwätz… fördert die Awareness in der Changemaker-Industrie…

    1. > „Mit der SmartBar könnten einige Kellner und Barkeeperinnen eingespart werden“ – genau darum gehts es.

      Das möchte ich bezweifeln. Hier geht es darum, ein völlig unterkomplexes Massengeschäft (Herstellung von Trinkgläsern) in eine digitalisierbare Systemkomponente zu verwandeln.

      Die Herstellung von Trinkgläsern kann – sehr einfach formuliert – jeder Depp und das trägt kaum mehr was zum Bilanzgewinn bei. Die Herstellung dürfte bis zum Letzten Atom durchrationalisiert sein.

      Nun denkt sich ein schlauer Kopf aus, wir verkaufen keine billigen Gläser mehr, an denen wir nahezu nichts mehr verdienen, sondern wir verkaufen jetzt teure High-Tech-Systeme. Dieser Wandel wird uns die nächsten Jahrzehnte begleiten/auf die Nerven gehen bis wir uns daran gewöhnt haben werden oder bis die teureren Systeme unwirtschaftlich werden.

      Privatsphäre und Datenschutz sind aus Herstellersicht und aus Perspektive wirtschaftsfreundlicher Politikkreise eher hinderlich für die „Innovation“. Systemsicherheit hingegen dürfte zunehmend ins Bewusstsein der Hersteller dringen, weil sie existentiell werden wird, möchte man die Startup-Phase überleben.

      Als kritische Mitglieder der Netzgemeinde bleibt uns nur, unsere Finger mit viel Salz und Essig in die Wunden der digitalen Erneuerer zu legen und tief und kräftig darin zu rühren. Das muss weh tun, sonst verwandeln sich unsere Bürgerrechte und unsere Freiheit eine sehnsuchtsvolle Erinnerung von besseren Zeiten.

      Selektiver bewusster Konsumverzicht ist unsere schärfste Waffe. Sie trifft ins Mark – und sie ist validierbar mit jedem Quartalsergebnis.

  4. Man könnte es auch zusammenfassen:
    „Wo das Menschliche wegrationalisiert wird…“
    Wozu überhaupt noch einen Kellner, der das Getränk auf den Tisch stellt? Das kann auch ein Roboter. Und schon muss man mit überhaupt niemandem mehr weitestgehend überwachungsfrei sprechen. Bestellungen Digital? Wunderbar, Krankenkassen werden sich freuen, Polizei ggf. auch und diverse Werbetreibende ebenso. Die ganzen anfallenden Daten, ein feuchter Traum für die Werbeindustrie, ein Alptraum für jeden Menschen, der den Ergebnissen der Datensammler ausgeliefert ist.

    Personalisiert oder nicht. Ich will keine Datenerhebung und -auswertung. Denn dort wo erhoben wird, wird am Ende auch angepasst. Und die Anpassung erfolgt dann aufgrund der Massen, das Individuelle verschwindet. Am Ende bleibt Einheitsbrei.

    Das menschliche Miteinander verschwindet immer mehr und wird zeitgleich immer unpersönlicher. All das, was den Menschen ausmacht, wird ökonomisiert, wirtschaftlich gemacht. So dass der letzte Rest Effizienz herausgepresst wird. Alles muss effizient sein, nicht menschlich. Menschlich ist so „gestern“.

    Kurz gesagt: Danke, Nein. Aufhören mit dem Dreck.

  5. Ich trinke kein bis äußerst selten Bier aber das hier erfolglos ein Sternburger Export verpixelt wurde erkenne ich sofort. Immerhin – Export.

    Spotan ein ehrliches Danke an dieser Stelle für das selbstlose Sammeln und Archivieren der Fortschritte der Höllenbrut. Es kommt ja seit einigen tausend Jahren selten vor, dass auch einmal etwas aus dem anderen Lager kommt und wenn ist es meist nur eine ablenkende Finte im „Brennender Dornbusch-Kostüm“ für den nächsten großen Zug in Richtung viel Käse mit extra Käse.
    Schaut einmal mit diesem Blickpunkt auf Geschichte und Medieninhalte. Hell-TV von A bis Z! Leider wahr. Es war nicht meine Absicht hier zu landen. Es war eindeutig ein dummer Unfall! (:
    lg

  6. Mal wieder so ein Versuch eines Unternehmens, auf den Digitalisierungs-Zug aufzuspringen und krampfhaft irgendein bewährtes Produkt durch sinnlose Elektronifizierung ohne jeglichen Mehrwert für den Nutzer kaputtzuoptimieren. Wer will so etwas allen Ernstes haben? Sicherlich keine smarten Leute.

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