SocArXiv: Offenes Archiv für sozialwissenschaftliche Aufsätze gestartet

Der Dokumentenserver SocArXiv soll für sozialwissenschaftliche Artikel werden, was ArXiv.org bereits in Fächern wie Physik, Mathematik oder Informatik ist: eine zentrale Anlaufstelle mit freiem Zugang zu wissenschaftlichem Wissen. Die Neugründung ist dabei auch der Versuch, digitale Wissenschaftsinfrastruktur jenseits großer Verlage wie Elsevier zu betreiben.

Die Lage des wissenschaftlichen Publikationswesens ist disziplinär durchaus unterschiedlich. Naturwissenschaften sind bei Open Access schon etwas weiter. Foto: CC-BY-ND 2.0 faungg’s photos

Die wissenschaftliche Publikationslandschaft ist im Umbruch. Seit über zehn Jahren versuchen sich Universitätsbibliotheken aus der Umklammerung großer Wissenschaftsverlage wie Elsevier zu befreien und kämpfen für offenen Zugang (Open Access) zu wissenschaftlichem Wissen. In ihren Bemühungen werden sie von nahezu allen großen Forschungsfinanzierern unterstützt, die erst kürzlich mit „Open Access 2020“ ihre Bemühungen intensiviert haben.

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Die Lage des wissenschaftlichen Publikationswesens ist dabei disziplinär durchaus unterschiedlich. Ganz allgemein sind Open-Access-Plattformen wie Public Library of Science (PLoS) in naturwissenschaftlichen Fächern weiter verbreitet und angesehener. Mit ein Grund dafür ist sicher, dass in diesen Disziplinen schneller Zugriff auf die aktuellsten Forschungspapiere von größerer Bedeutung ist und deshalb sogenannte „Pre-Print“-Server eine große Rolle spielen. Dort stellen WissenschaftlerInnen Aufsätze oft noch vor Abschluss eines Begutachtungsverfahren ein und machen diese damit frei zugänglich. Der bekannteste und größte Pre-Print-Server ist ArXiv.org mit über einer Million Beiträge aus Feldern wie Physik, Mathematik, Informatik oder Biologie; monatlich kommen inzwischen fast 10.000 neue Beiträge hinzu (siehe Abbildung).

Anzahl monatlich bei ArXiv.org hochgeladener Beiträge (Screenshot)
Anzahl monatlich bei ArXiv.org hochgeladener Beiträge (Screenshot)

Die Sozial- und Geisteswissenschaften hinken in Sachen Open Access den Naturwissenschaften hinterher. Erst im Jahr 2015 wurde mit der Open Library for the Humanities eine breite, interdisziplinäre Plattform für Open-Access-Veröffentlichungen und -Zeitschriften gestartet. Im Unterschied zu PLoS weist diese allerdings auch zwei Vorzüge auf. Erstens ist sie mehrsprachig und nicht nur für englische Einreichungen offen und zweitens verzichtet sie auf Artikelgebühren. Stattdessen wird sie über Beiträge von Bibliotheken, Universitäten und andere Wissenschaftsorganisationen finanziert.

Das Social Science Research Network (SSRN) wiederum, einer der größten Pre-Print-Server im Bereich der Sozialwissenschaften, wurde im Mai diesen Jahres von Elsevier gekauft. Der größte und wohl ungeliebteste Wissenschaftsverlag mit Sitz in den Niederlanden setzte damit seine Einkaufstour im Bereich digitaler Wissenschaftsinfrastruktur fort. Zuvor hatte Elsevier bereits das soziale Bibliographiewerkzeug Mendeley erworben, gefolgt von einer Abmahnwelle an Nutzer des Konkurrenzdienstes Academia.edu.

Die Gründung der gemeinnützigen Plattform SocArXiv.org soll diesem Trend zur Privatisierung der digitalen Wissenschaftsinfrastruktur entgegenwirken. Initiator Philip Cohen nahm in einem Blogeintrag nach der Ankündigung von SocArXiv auch explizit auf die Übernahme von SSRN durch Elsevier Bezug. Ein prominentes Steuerungsgremium und die Unterstützung des gemeinnützigen Centers for Open Science sind ein Indiz für das Potential des Vorhabens.

Noch bevor die Seite offiziell an den Start geht, können bereits Paper hinterlegt werden. Erforderlich ist dafür ein Account bei Open Science Framework. Paper können dann via E-Mail an socarxiv-Preprint@osf.io eingereicht werden (Titel des Beitrags im Betreff, Abstract als Text und der Artikel als Anhang).

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