Öffentlichkeit

Neues aus dem Fernsehrat (2): Mehr Creative Commons im ZDF?

Im Ausschuss Telemedien des ZDF Fernsehrats war Creative Commons ein Thema, soviel ist öffentlich dokumentiert. Was sich dazu unter Wahrung der Vertraulichkeitsverpflichtung von einem Mitglied dieses Ausschusses noch öffentlich sagen lässt, darum geht es in der zweiten Folge der Serie „Neues aus dem #Fernsehrat“.

Diese Mainzelmaennchen gibt es im ZDF-Shop in Mainz zu kaufen.

Seit Juli 2016 darf ich den Bereich „Internet“ im ZDF Fernsehrat vertreten. Was liegt da näher, als im Internet mehr oder weniger regelmäßig Neues aus dem #Fernsehrat zu berichten? Eine Serie

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Wenn es im ZDF Fernsehrat um Internet geht, dann ist erstmal der Ausschuss „Telemedien“ zuständig. Deshalb wurde auch vor allem in diesem Ausschuss die Frage diskutiert, ob und wie das ZDF vermehrt auf offene Urheberrechtslizenzen wie Creative Commons für seine Inhalte setzen sollte. Im Februar 2016 wurde dem Ausschuss Telemedien eine Vorlage „‘Creative-Commons‘-Lizenzierung im ZDF“ zur Kenntnis gebracht. Dieser Umstand ist der „Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse“ (PDF) zu entnehmen, die auf der Fernsehrats-Homepage öffentlich einsehbar sind. Diskussionsverlauf und Vorlage selbst sind, wie in der ersten Folge dieser Serie berichtet, vertraulich.

Ohne auf Details einzugehen lässt sich zumindest festhalten, dass vorerst keine über Einzelinitiativen von Leuten wie Mario Sixtus (vgl. z.B. seinen CC-lizenzierter Film „Operation Naked“) hinausgehenden Aktivitäten in Sachen Creative Commons geplant sind. In der Tat wäre ein kurzfristiger Einsatz von freien Lizenzen wie Creative Commons auf breiter Front wegen der damit verbundenen hohen Rechteklärungskosten unrealistisch, unwirtschaftlich und unklug. Deshalb aber das Creative-Commons-Kind mit dem Rechteklärungsbade auszuschütten, ist dennoch gleich aus mehreren Gründen nicht empfehlenswert:

1. First things first

In einem ersten Schritt geht es darum, Creative Commons dort einzusetzen, wo es vergleichsweise einfach möglich ist: Eigenproduktionen sowie bestimmte Nachrichten- und Dokumentationsformate und -sequenzen. In diesen Bereichen sind die Rechteklärungsfragen überschaubar und kommerzielle Zweit- und Drittverwertungsmöglichkeiten spielen keine große Rolle. Deshalb wäre es empfehlenswert, zunächst systematisch zu erheben, in welchen Bereichen Creative Commons relativ einfach umzusetzen wäre. Darüberhinaus sind gerade solche Inhalte oft von zeithistorischem Interesse und könnten unter Creative Commons lizenziert in Kontexten Verwendung finden, die für öffentlich-rechtliche Sender besonders attraktiv sind, wie zum Beispiel die Wikipedia.

2. It’s the Wikipedia, stupid

Wikipedia ist nicht irgendeine Plattform, sondern die einzige nicht-kommerzielle unter den 50 meistbesuchten Webseiten der Welt. Mehr noch, nach der ARD-ZDF-Onlinestudie nutzen über 93 Prozent der 14-29jährigen zumindest gelegentlich Wikipedia. Wenn also mehr ZDF-Inhalte offen lizenziert und so via Wikipedia verfügbar wären, würde das nicht nur einen völlig neuen Verbreitungskanal öffnen, dieser Kanal würde vor allem auch jüngere Zielgruppen erschließen helfen.

Jenseits der Wikipedia hat auch in Deutschland in den letzten Jahren die Diskussion zu offenen, d.h. CC-lizienzierten, Lehr- und Lernmaterialien (Open Educational Resources, OER) stark an Dynamik gewonnen, sind CC-Lizenzen im angelsächsischen Raum im Bildungsbereich bereits Mainstream (vgl. z.B. das Amazon-Portal für Lernunterlagen mit CC-BY als Default-Lizenzoption). Auch hier könnte der ZDF gerade bei jüngeren Zielgruppen sichtbarer werden.

Beides zusammengenommen zeigt, dass durchaus großes und potentiell stark wachsendes Verbreitungs- und Reichweitenpotential in CC-Lizenzen steckt, das bislang jedoch kaum angetastet wird. Aber auch jenseits von Verbreitungsfragen gibt es noch einen prinzipiellen Grund, der für ein verstärktes Engagement im Bereich CC-Lizenzierung spricht.

3. The Mission

Bild: D64 e. V. (CC-BY-SA)
Bild: D64 e. V. (CC-BY-SA)

Creative Commons folgt aus dem spezifischen, öffentlich-rechtliche Auftrag des ZDF, der über unmittelbare Verbreitung („Quote“) hinausreicht. In der ARD hat eine Arbeitsgruppe die Beschäftigung mit und Sinnhaftigkeit von Creative Commons unmittelbar aus dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag abgeleitet. Gerade weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk beitragsfinanziert und zwar der Wirtschaftlichkeit, aber nicht der Profitmaximierung verpflichtet ist, sind offene und freie Lizenzen wie Creative Commons nicht nur ein Thema, sondern Auftrag.

Zumindest in Bereichen wie Eigenproduktionen ohne komplizierte Rechtearrangements könnten offene Lizenzen und Formate eben genau den Unterschied zu profitorientierten „All-Rights-Reserved“-Angeboten markieren. Creative Commons geht mit seinem ermächtigenden Ansatz über herkömmliche Formen der Interaktion und Einbindung von Zuschauern und Beitragszahlenden hinaus.

Ausblick

Bei all diesen Vorzügen ist dennoch klar, dass Creative-Commons-Lizenzen – wie Urheberrechts- und Lizenzierungsfragen ganz allgemein – natürlich nie die breite Masse der BeitragszahlerInnen interessieren oder gar begeistern werden. Aber von der einfacheren Nutz- und Verbreitbarkeit auf Plattformen wie Wikipedia oder im Kontext von Lehr- und Lernmaterial würden eben auch solche Beitragszahlenden profitieren, denen der Lizenzhintergrund gar nicht bewusst ist.

Ebenfalls muss klar sein, dass Redakteurinnen und Redakteure durch Creative Commons keine Einbußen bei Vergütungen erleiden dürfen. In Fällen, wo ohne Creative Commons Wiederholungshonorare fällig wären, müsste das deshalb bei der Vergütung berücksichtigt werden.

Weitere Details zu Fragen rund um Creative Commons im öffentlich-rechtlichen Rundfunk liefert ein White Paper zum Thema, das ich bereits 2014 für D64 verfasst habe.

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8 Kommentare
  1. Sichtbarkeit erhöhen? Ich bin im Gegenteil dafür, dass der ganze Laden weiter alles dafür tut, den Unmut des Beitragszahlers zu schüren, bis er implodiert, und dann einen unabhängigen ÖR zu schaffen, der nicht von staatlich verordnetem Schmarotzertum profitiert. Wie jeder Hartz IV-Empfänger hat er sich mit einer Grundsicherung abzufinden, die keinerlei Luxus zulässt. Über einen Rundfunkbeitrag, wie wir ihn heute zahlen müssen, können wir dann reden, wenn auch alle anderen ein BGE bekommen.

  2. Ich denke man muss die Diskussion anders angehen. Man muss den Politikern klar machen, dass sie durch CC Lizenzen in den öffentlich rechtlichen Einfluss auf die Geschichtsschreibung und Selbstdarstellung nehmen können.

    Durch Einfluss auf Personal und Programm in den entsprechenden Institutionen hat man ja schon die Möglichkeit der Steuerrrung.
    Wenn diese Inhalte jetzt auch noch einfacher benutzt werden können und leichter Verbreitung finden erhöht man also damit nochmal die Verbreitung der eigenen Ansichten.

  3. Ich wundere mich, warum in den Kommentaren zu einem Artikel über CC-Lizenzen in den öffentlich-rechtlichen Sendern nur über deren Finanzierung und Unabhängigkeit geschrieben wird.
    Es lässt sich zwar nicht abstreiten, dass eine begrenzte Einflussnahme der Politik auf diese Sender möglich ist, sie sind aber dennoch die Sender mit der größten Unabhängigkeit. Wäre das Programm wirklich durch die Politik bestimmt, würden keine Sendungen wie die Anstalt gesendet werden. Und dass so ein Sender auch Geld kostet lässt sich eben nicht verhinder.
    Anderseits sollten wir natürlich daran arbeiten, den Einfluss der Politik weiter zu verhindern und auch über andere Finanzierungsmöglichkeiten (z.B. abhängig vom Einkommen) nachdenken.

  4. Da stopft man sich den Sparstrumpf doch gerne mit dem ersparten Geld voll.

    CreativeCommons, Royalty Free, Microstock – das sind alles Linzenzmodelle wo die Knechte ihre Werke kostenlos verbreiten oder zumindest weit unter Wert verhökern. Es ist erstaunlich wieviele Menschen den Mediengiganten ihre geldwerten Arbeiten Gratis zur Verfügung stellen. Das gehört zur Umverteilung von unten nach oben dazu. Es scheint wohl ein Phänomen der digitalen Ära zu sein, das Menschen bereit sind umsonst zu arbeiten um ein Minimum des Augenblicks kurzer Prominenz und Berühmtheit zu erhaschen.

    1. Weniger Geld für die Inhalte… Das Modell hätte den Vorteil das die Beiträge für die wirklich wichtigen Dinge – die Gehälter und Pensionen der Beschäftigten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und für die Produktionsgesellschaften der Stars – üppiger ausfallen.

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