Edit-Wars in der Wikipedia: Flüchten oder Standhalten?

Benjamin Mako Hill ist Doktorand am MIT Media Lab, Fellow am Berkman Center for Internet and Society in Harvard, Mitglied des Board of Directors der Free Software Foundation sowie des Advisory Boards der Wikimedia Foundation. Erst letztes Jahr war er zu Besuch in Berlin und hat die Keynote der Wikipedia Academy 2012 darüber gehalten, unter welchen Bedingungen kollaborative Online-Projekte wie Wikipedia (nicht) funktionieren (siehe Video).

Wikipedia Academy – „When Peer Production Succeeds“, Keynote by Benjamin Mako Hill from Wikimedia Deutschland on Vimeo.

Mit Berlin verbindet Benjamin Mako Hill aber nicht nur dieser und andere Besuche zuvor, sondern auch eine äußerst kraftraubende Auseinandersetzung um einen Wikipedia-Eintrag des in Berlin ansässigen „Institute for Cultural Diplomacy“ (ICD). Auf seinem Blog hat Benjamin Mako Hill diese Auseinandersetzung („Edit-War“) jetzt minutiös dokumentiert: wie er auf den Eintrag durch eine Vortragsanfrage aufmerksam wurde, wie er versuchte, ihn von Eigenwerbung zu säubern, wie er am Widerstand von anonymen Editoren mit Berliner IP-Adressen scheiterte, wie es zur Löschung des Eintrags kam und wie ihm schließlich mit rechtlichen Schritten gedroht wurde.

Schon alleine als detaillierte Beschreibung der Eskalation eines Edit-Wars ist der Blogeintrag lesenswert. Vor allem aber illustriert der Erfahrungsbericht, dass es mit der steigenden Bedeutung von Wikipedia immer mehr Menschen geben wird, die enormen Aufwand zu betreiben gewillt sind, um „ihren“ Wikipedia-Eintrag wunschgemäß zu gestalten. Dementsprechend zieht Benjamin Mako Hill auch ein besorgtes Fazit (Herv. im Original, meine Übersetzung):

Aber die allgemeinen Implikationen des Falles bereiten mir tiefe Sorge. Wenn ich von Drohungen wie diesen eingeschüchtert werden kann, dann gilt das auch für alle anderen. Denn ich habe schließlich Freunde in der Wikimedia Foundation, eine Stelle an der Harvard Law School, und ich bin eng befreundet mit vielen der weltweit besten Rechtsexperten für sowohl Wikis als auch Online-Recht. Und sogar ich scheue davor zurück, die Enzyklopädie zu verbessern.

Ich bin besorgt was den gewöhnlichen Fall betrifft – wo diejenigen, die mit Herzblut bei der Sache sind, härter und länger kämpfen werden als irgendein zufällig daherkommender Wikipedianer. Der Umstand, dass normalerweise nicht ich es bin, der bedroht wird, gibt mir eine Menge Gründe mir um die Wikipedia Gedanken zu machen, gerade zu einer Zeit in der ihre Bedeutung und Leserschaft weiterhin wächst während gleichzeitig die Autorenbasis stagniert.

Gerade der letzte Punkt scheint mir entscheidend: je größer die Bedeutung des Wikipedia-Eintrags für Firmen, Organisation und Personen wird, desto größer der Anreiz, einen Eintrag zu „optimieren“. Fraglich ist ob die Wikipedia angesichts stagnierender Autorenzahlen auf dieses wachsende Problem ausreichend vorbereitet ist – vor allem, weil Einflussnahme wohl häufig nicht so plump und ungeschickt daherkommt, wie im hier beschriebenen Fall. Mit Horst-Eberhard Richter stellt sich dann für Wikipedianer vielleicht immer häufiger die Frage: Flüchten oder Standhalten?

19 Kommentare
    • Marcus Cyron 28. Mrz 2013 @ 3:51
  1. Marcus Cyron 28. Mrz 2013 @ 4:08
      • Wikikritiker 28. Mrz 2013 @ 15:48
  2. Den kenne ich 28. Mrz 2013 @ 14:33
  3. Christoph Kappes 29. Mrz 2013 @ 17:52
Unterstütze unsere Recherchen und Berichterstattung für Grundrechte und ein freies Internet durch eine Spende. Spenden