Herfried Münkler kämpft gegen das Internet

Ich dachte ja gestern schon, der Leitartikel von Markus Decker im Kölner Stadt Anzeiger wäre der Tiefpunkt in der Kommentierung die Zensursula-Kritik. Ich hab mich getäuscht.

Herfried Münkler, Politikprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat einen Kommentar in der Frankfurter Rundschau geschrieben: Netz-Anarchos und trojanische Pferde (Update: Link aktualisiert). Es fängt gut an:

Das Gesetzesvorhaben sollte bloß sicherstellen, dass das, was für Printmedien gilt, auch im Internet gelten soll: dass der Erwerb von Kinderpornografie unter Strafe steht.

Alleine mit der Einführung zeigt Politik-Professor Herfried Münkler, dass er gar keine Ahnung hat, worum es überhaupt geht. Der Erwerb von Kinderpornographie ist schon lange in Deutschland verboten! Mit dem Zensursula-Gesetz soll (offiziell) der Zugang dazu vermeintlich erschwert werden. Aber das spielt keine Rolle. Als Politik-Professor darf man auch ohne jegliche Sachkenntnis in Qualitätsmedien einen Kommentar abdrucken lassen.

Es wird noch besser. Da fehlt ein Thema, wenn ältere Professoren sich momentan zum Internet äussern: Genau, der Heidelberger Appell und das Urheberrecht. Kommt noch!

Diese Position einer prinzipiellen Verbotsabwehr verbindet sich mit der Auffassung, in der virtuellen Welt des Internets hätten die Eigentumsansprüche, wie sie in der realen Welt erhoben werden, keine Geltung, sondern müssten einer kostenfreien Nutzung durch alle zugänglich sein. Davon ist vor allem der Anspruch auf geistiges Eigentum betroffen, weswegen diese Auseinandersetzung vor allem von Autoren und Verlagen geführt wird, da hier die Gemeingutpraxis existenzgefährdend ist.

Auch wenn nicht explizit der Heidelberger Appell gemeint ist: Die Andeutung ist da. Hat zwar nichts mit der Verfolgung von Kinderpornographie zu tun. Aber hey, der ist Professor. Der wird schon wissen, worum es geht.

Höhepunkt ist dann der nächste Absatz:

Es ist eine eigentümliche Schar, die sich unter dem Banner der Netzfreiheit versammelt hat. Einerseits kriminelle Geschäftemacher, die das Internet benutzen, um verbotene Produkte an den Mann zu bringen, und andererseits ein Ensemble von Freiheitskämpfern, die ihre anarchistischen (kein Staat!) oder kommunistischen Ideen (kein Eigentum) in der virtuellen Welt des Internets realisieren wollen.

Man möchte nur noch mit dem Kopf gegen den Tisch schlagen, wenn es denn was bringen würde. Der Protest an der Zensursula-Gesetzgebung wird von kriminellen Geschäftemachern zusammen mit Kommunisten und Anarchisten organisiert. Das ist mit Abstand der grösste Schwachsinn, den ich je zum Thema gelesen habe. Liest denn keiner in der Rundschau die Beiträge?

Da kommt noch mehr Schwachsinn. Der Artikel schließt mit:

Die Ideologie der Netzfreiheit ist durch den Vorstoß von Geschäftsinteressen desavouiert worden. Der regulierende Staat folgt bloß den Geschäftemachern. Es kommt darum nicht von ungefähr, dass sich die Debatte über die Freiheit des Internets genau an dieser Stelle entzündet hat.

Hilfe. Sowas drucken Qualitätsmedien im Jahre 2009! Und da wundern sich Verlage, dass junge und gebildete Menschen sich keine Zeitungen mehr kaufen?

87 Kommentare
  1. Dr. Kawashima 17. Jun 2009 @ 20:00
  2. maninthesouth 17. Jun 2009 @ 20:23
  3. LoveIsAnArt 17. Jun 2009 @ 21:22
  4. ninjaturkey 17. Jun 2009 @ 21:37
  5. Prof. Dr. Nicholson 17. Jun 2009 @ 22:26
  6. Hirschgarten 17. Jun 2009 @ 22:52
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