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Freitag, 16. Mai 2008

Nachrichtenauswahl China

Zu Tibet und China liest man derzeit viel, an verschiedenen Stellen. Ich möchte nur auf zwei Artikel und ein Special hinweisen, die sich in meiner Wahrnehmung irgendwie hervorgetan haben. (Die Auswahl ist subjektiv und unvollständig.)

Der Philospoh und Kulturwissenschaftler Slavoj Zizek schreibt in der Monde Diplomatique über westliche Sichtweisen: Tibet: dream and reality. Der Artikel will Tibet als das sehen, was es wirklich ist - aber ich glaube dass der eigene Anspruch hier unerfüllt bleibt (oder ich lese einfach zu viele voreingenommene Quellen). Wirkt alternativ wie ein Vorwort oder eine notdürfig heruntergekürzte und dadurch verwaschene Fassung.

Ruprecht Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, hat “einen Anruf der Chinesen bekommen…” und wird dazu von der Sueddeutschen Zeitung interviewt. War aber klar, dass er die Einladung des Dalai Lama annimmt unter dem begründenden Hinweis, Deutschland würde sich ja an die böse Ein-China-Politik halten. Seltsame Logik; das wird auch die volkschinesische Botschaft so verstanden haben. Aber er gibt auch Inneneinsichten über praktische Gegebenheiten des politischen Tagesgeschäfts, die sonst wenig auffallen.

Die Printausgabe der FAZ brachte vorgestern auf der Titelseite neben Erdbebenfotos aus Sichuan den Hinweis auf ein fortlaufendes online China-Spezial, das beobachten, analysieren und beschreiben wolle. Man betonte, dass man positiv überrascht sei über Krisenmanagement, Live-Übertragungen und die scheinbare Offenheit, mit der die VR China mit der Katastrophe umginge. In der Mittwochsausgabe selber fand ich eher wenig zugehörigen Inhalt, hoffe aber, dass online bald informative Texte kommen werden.

Montag, 5. Mai 2008

Chinas Zensur: “System der tausend Augen”

Lesenswerter und ausführlicher Artikel heute im Berliner Tagesspiegel: der Schriftsteller Ha Jin (哈金, eigtl. 金雪飞/金雪飛) berichtet über Chinas Zensur, “Das System der tausend Augen“. Es funktioniert nach dem Prinzip 內緊外鬆 (nèi jǐn wài sōng): nach innen hart, nach außen weich. In der Außendarstellung der Zensur ist also kaum erkennbar, wie unnachgiebig sie nach innen wirkt. Der Artikel geht auf die Verleger- und Verlangssituation, auf Auslandschinesen, heikle Literatur ein und kommt auf den Schluß, dass nur eine (zensurfreie) Öffnung der Bildung und echte Demokratie Chinas Talenten zu Gute kommen kann:

Bei seinem Besuch in den Vereinigten Staaten im Jahr 2006 sagte Präsident Hu Jintao: „Wir glauben seit jeher, dass es ohne Demokratie keine Modernisierung gibt.“ Dieses Eingeständnis nimmt den Aufruf des Dissidenten Wei Jingsheng nach einem fünften Modernisierungs- und Demokratisierungsschritt auf, nachdem Deng Xiaoping vier Modernisierungsschritte gefordert hatte. Wei wurde dafür 15 Jahre lang eingesperrt. Wenn die KP Demokratie ehrlich befürwortet, wie Hu beteuert, müsste sie Schritte einleiten, die Macht des Propagandaministeriums zu verringern und es schließlich aufzulösen. Sonst bleibt jedes Wort von Demokratie Gerede.

… Es wird oft gefragt, wie viele große originelle Denker und Künstler das moderne China der Welt gegeben und wie viele Produkte es von sich aus hergestellt hat. Sehr wenige, wenn man bedenkt, dass dieses Land 1,3 Milliarden Bewohner hat. Es stimmt zwar, dass China reicher ist als je zuvor, aber sein Reichtum beruht darauf, ausländische Produkte nachzumachen. Solch ein Reichtum ist vergänglich. Ohne eigene kulturelle und materielle Güter kann kein Land reich und stark bleiben. Mit anderen Worten: Der wahre Reichtum eines Landes liegt im Talent seiner Menschen. Der beste Weg, es wachsen und gedeihen zu lassen, besteht darin, das Joch der Zensur abzuschütteln.

(Auf echonyc.com kann man den fünften Modernisierungsschritt Wei Jingshengs auf Englisch nachlesen.)

Donnerstag, 17. April 2008

Newsweek über Repression 2.0

Die Newsweek hat einen interessanten Artikel über “Repression 2.0“. Darin wird beschrieben, wie totalitäte Systeme die eigenen Bürger vor allem sozial unter Kontrolle halten und Strategien entwickeln, die Internetzensur zu verstärken.

The trick about the new repression isn’t just getting people to think the government knows—or seems to know—what they’re doing; it’s making them believe they’ll pay the price. Here the technology of Repression 2.0 melds with old-fashioned strong-arm methods: those caught misbehaving are subjected to highly publicized character assassination, interrogation, threats to friends and families, trumped-up charges and show trials. Chinese police have shown up at the homes of Web surfers just minutes after they view an illicit site. Egyptian and Saudi courts try bloggers for sedition. In the Middle East, censors are hunting not just for political challenges to the established order but also for signs of what they consider social deviancy, such as gay porn. But with so much ground to cover, resources are spread thin. So rather than convey a systematic sensation of surveillance, Middle Eastern governments are louder and angrier in their condemnations.

[Danke an Martin]

Interview: Zensur in China

Jens Ohlig vom Chaos Computer Club wurde von tagesschau.de zur Zensur in China befragt: “China kennt verschiedene Formen der Internetzensur”.

tagesschau.de: Spielen auch gesellschaftliche Zwänge eine Rolle bei der Zensur?

Ohlig: Das ist der zweite Pfeiler der Zensur. Nur wenige Chinesen besitzen ihren eigenen PC und gehen deshalb in Internet-Cafés. Gemeinschaftliches Surfen ist weit verbreitet. Es herrscht also eine soziale Kontrolle, weil andere sehen, auf welchen Seiten ich surfe. Außerdem braucht jeder Betreiber einer Internetseite eine Lizenz vom Staat. Um diese nicht zu verlieren, beschäftigen alle größeren Internet-Portale “große Mamas”. Das sind Mitarbeiter, die die Foren überwachen und kritische Inhalte sofort löschen.tagesschau.de: Steuert die Regierung gezielt Internet-Kampagnen - wie etwa den Aufruf die tagesschau.de-Umfrage zu beeinflussen oder den Boykott von französischen Produkten?

Ohlig: Es ist schwierig, solche Aktionen detailliert zu planen und zu steuern. In Foren und Blogs kann sich ohne zentrale Steuerung schnell ein Internet-Mob organisieren. Das ist aber ein Phänomen, das nicht nur in China zu beobachten ist. So wendet sich im Moment gerade eine weltweit über Diskussionsforen lose organisierte Gruppe im Internet gegen die Scientology-Kirche. Natürlich begünstigt die Stimmung in China, dass sich solche Bewegungen formieren. Die bevorstehende Olympiade und der ausgeprägte Nationalismus wirken in einem autoritären Staat wie sozialer Kitt. Allerdings beeinflusst der Staat solche Phänomene, indem er sie bei ideologiekonformen Themen einfach laufen lässt und bei kritischen Themen unterdrückt.

Tagesschau.de hat auch ein Dossier über “China und die westlichen Medien”.

Passend dazu auch das Jetzt.de-Interview mit Marianne Heuwagen von Human Rights Watch: “Wir sprechen hier über ein totalitäres Regime”.

Montag, 14. April 2008

Chinesen stürmen tagesschau.de

Wir brauchen wohl auch mal ein Umfrage-Plugin zur Generierung neuer Zielgruppen und Clicks: Chinesische Webseiten rufen zur Manipulation auf.

Im Kampf um die Meinungshoheit hat China auch deutsche Medien entdeckt. Mehr als 7600 Webseiten aus der Volksrepublik riefen dazu auf, bei einer tagesschau.de-Umfrage zum olympischen Fackellauf abzustimmen. Viele Chinesen versuchten das, obwohl die Umfrage längst geschlossen ist.[...]
Dass die Umfrage bereits beendet ist und man nicht mehr abstimmen kann, wurde nicht übersetzt. Nach wie vor versuchen anscheinend viele Chinesen, das Ergebnis der Umfrage zu beeinflussen. Die Redaktion von tagesschau.de wundert sich bereits seit Tagen über die außergewöhnlich hohen Klickzahlen der Umfrage, obwohl diese bereits längst geschlossen wurde. Zeitweise wurde die archivierte Seite viermal häufiger aufgerufen als die Startseite von tagesschau.de.

Mal schauen, wann Sueddeutsche.de und andere Portale ähnliche Umfragen starten.

[Danke an Torsten]

Mittwoch, 9. April 2008

China und die Pressefreiheit

Spiegel-Online hat ein Interview mit dem ZDF-Korrespondent Johannes Hano über die aktuelle Presse-Situation in China: “Der größte Überwachungsapparat der Welt”.

SPIEGEL ONLINE: Was merken Sie persönlich davon?

Hano: Wir wollten am Montag auf der Straße jemanden interviewen. Der guckte sich unser Mikro genau an und ging dann einfach weiter. Der Grund: Ich selbst und auch das ZDF sind in Internetforen angeprangert worden - wie beim Blog anti-cnn.com. Dort wurde uns zwar kein Fehler nachgewiesen, aber unterstellt, wir würden einseitig berichten. Alle Chinesen sind dort aufgefordert worden: Gebt keine Interviews, wenn dieser Mann oder das ZDF-Logo irgendwo auftauchen.

SPIEGEL ONLINE: Spüren Sie auch die Zensur im Land?

Hano: Was bedeutet schon der Begriff Zensur? Entweder kann man bestimmte Dinge nicht schreiben oder senden. Oder - viel perfider - man kommt an Informationen gar nicht mehr heran.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Hano: Grundsätzlich hat sich das chinesische Presserecht vor den Olympischen Spielen zum Positiven gewandelt. Wir müssen nicht mehr bei den Behörden anfragen, wenn wir drehen wollen. Es gilt: Stimmt der Interviewpartner zu, können wir loslegen - eigentlich. Denn das Perfide ist, dass unsere Interviewpartner nun im Vorfeld unter Druck gesetzt werden, nicht mit uns zu sprechen.

Donnerstag, 3. April 2008

Hu Jia zu 3,5 Jahren Haft verurteilt

China macht weiter ernst. Hui Jia wurde heute zu 3,5 Jahren Haft verurteilt, “Untergrabung der Staatsgewalt” durch eine handvoll Postings. Wie bedroht fühlt sich die Volksrepublik?
Bei Peking Duck und Global Voices Online gibt es mehr Material, das man lesen und ansehen sollte.

Dienstag, 18. März 2008

Hu Jia in der taz

Die taz von heute berichtet über den chinesischen Bürgerrechtsaktivisten Hu Jia (胡ä), der zusammen mit dem Anwalt Teng Biao letzten Dezember einen offenen Brief verfasst hatte. Der Artikel Peking klagt Dissidenten an geht auch auf einige Hintergründe ein.

Hu stand bereits seit Mai vergangenen Jahres unter Hausarrest. Weil im Internetzeitalter mutigen Dissidenten so nicht mehr der Mund zu verbieten ist, publizierte Hu weiter und nahm am 27. November sogar per Webcam an einer Anhörung des Europaparlaments teil. Dabei bezeichnete er die Olympischen Spiele in Peking als “Desaster für die Menschenrechte”.

Zusammen mit seiner Frau Zeng Jingyan (bloggt auf ää园) war Hu Jia vergangenes Jahr unter den Finalisten für den europäischen Sacharow-Preis für geistige Freiheit.

Bei den China Human Rights Defenders kann man das meiste davon auf chinesisch nachlesen: 胡ä案庭审违反司法公正,因言治罪违宪ä权.

 

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