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Montag, 5. Mai 2008

EU-Parlament will Community-Medien fördern

Das ist doch mal eine spannende Sache, die wir auch schon in verschiedenen Veranstaltungen im Rahmen der re:publica’08 diskutiert haben: EU-Parlament will Blogosphäre fördern. Konkret geht es um die Förderung von “Community-Medien”.

Der Entwurf des Berichts des Kulturausschusses enthält genaue Vorstellungen davon, wie “Community-Medien” auszusehen haben. Demnach arbeiten Community-Medien ohne die Absicht, Profite zu erzielen, überwiegend im öffentlichen oder privaten Interesse, ohne kommerziellen oder monetären Profit und verantworten sich gegenüber der Community, deren Interesse sie bedienen. Dies bedeute auch, “dass sie die Community über ihre Handlungen und Entscheidungen informieren, diese rechtfertigen, und im Falle eines Fehlverhaltens bestraft werden”. Zudem sollen Community-Medien offen sein für die Teilnahme der Community-Mitglieder bei der Schaffung von Inhalten.

Solche Medien “sind ein effektives Mittel, um die kulturelle und sprachliche Vielfalt zu stärken, die soziale Einbeziehung und die lokale Identität, was die Vielfalt des Sektors erklärt”, heißt es im Bericht.

Im tradionellen Sinne fielen unter die Definition eines Community-Mediums Freie Radios und offene Kanäle. Mittlerweile können unter dieser Definition sowohl freie Communities wie Freifunk oder Wikipedia, als auch lokale Stadt-Blogs und -Wikis fallen. Also genau das, was ich mir in den “Forderungen für eine zeitgemässe Netzpolitik” gewünscht habe. Ich bin mal gespannt, was aus diesem Entwurf wird und wie sich letztendlich die Umsetzung gestaltet.

Netzpolitik-Podcast 055: Mapping the global blogosphere

Der Netzpolitik-Podcast Folge 055 ist ein Interview mit John Kelly zum Thema “Mapping the global blogosphere”. John Kelly ist Gründer von Morningside Analytics und Partner des “Internet & Democracy“-Projektes am Berkman Center for Internet and Society an der Harvard Law School. Er war kürzlich zu einem Workshop in Berlin und ich hab ein ca. 15 Minuten langes Interview mit ihm gemacht. Darin geht es um seine Projekte, verschiedene Blogosphären zu kartieren und zu visualisieren. Bisher hat er schon die USA und den Iran analysiert und da sind einige sehr interessante Ergebnisse bei entstanden. Am häufigsten werden Blogs dort für Poesie verwendet. Ausserdem geht es um politische Blogs in den USA. Über die Ergebnisse im Iran hatte ich erst kürzlich berichtet. Die nächsten Blogosphären sollen u.a. Russland und China werden.

Das Interview liegt als MP3 und OGG Vorbis vor.

Bei der Kartierung und Visualisierung arbeiten sie teilweise technisch, aber sie brauchen immer Partner in den jeweiligen Kulturkreisen, die in der Lage sind, die angesammelten Ergebnisse manuell zu analysieren und zu bewerten. Für Deutschland suchen sie noch universitäre Partner. Das dürfte was für unsere Soziologen-Fraktion sein. Bei Interesse einfach Kontakt mit John aufnehmen. Ich hätte auch gerne so tolle Visualisierungen für die deutsche Blogosphäre.

Das Interview ist etwas leise, was an einem geliehenen MP3-Rekorder lag, der nicht ganz das tat, was ich wollte. Also ggf. etwas lauter drehen. Vielleicht mache ich auf meinem kommenden US-Trip auch einfach nochmal ein neues Interview mit besserer Qualität.

Verglichen mit dem Iran kommt Deutschland übrigens prima weg. In den üblichen Aufzählungen heisst es ja immer, dass es zwischen 800.000 - 1 Millionen Blogs im Iran gibt und hier höchstens die Hälfte. Bei der konkreten Untersuchung wurden im Iran aber nur ca. 65.000 aktive gefunden. In Deutschland hat das Blogcensus-Projekt schon deutlich mehr aktive gefunden.

Update: Link zur MP3 korrigiert.

DRadio: Kriegstagebücher im Internet

Am Dienstag Abend berichtet das Deutschlandradio Kultur um 19:30 Uhr über Warblogs: “Seit Tagen leben wir von nichts” - Kriegstagebücher im Internet.

Kriege unterscheiden sich inzwischen auch darin, ob die von Kriegsgewalt Betroffenen einen Internetzugang haben oder nicht. In Belgrad, im Kosovo, in Bagdad und in Beirut gingen die Menschen ins Netz und meldeten sich, während die Bomben fielen, zu Wort. Kriegstagebücher im Internet - Warblogs genannt - halten alltägliches Leben im Krieg fest, geben dem Individuum eine Stimme und sind deshalb geeignet, das vom Militär gern gezeichnete Bild eines sauberen Krieges zu konterkarieren.

Sie können die Berichterstattung korrigieren, Lügen aufdecken, politische Filter außer Kraft setzen, Propaganda aushebeln. Aber halten sich alle Blogger aus Kriegsgebieten immer an die Wahrheit, fragt man sich angesichts einer inzwischen wahrhaften Flut überwiegend anonymer Kriegstagebuchschreiber. Zusammen mit dem Pionier der Warblogs, dem Niederländer Wam Kat, Begründer einer Hilfsorganisation und Blogger in den Jugoslawienkriegen, geht die Sendung zum Ursprung des Internet-Tagebuchs im Krieg zurück und macht den Versuch, sich seiner spezifischen Qualität, Relevanz und Bedeutung anzunähern.

Hoffe mal, dass dieser Beitrag anschliessend auch als On-Demand-Lösung veröffentlicht wird.

[Danke an Sandra]

Donnerstag, 24. April 2008

Case Study: Blogs im Iran

Das “Internet and Democracy”-Projekt am Berkman-Center hat eine spannende Case-Study zur Iranischen Blogosphäre veröffentlicht: Mapping Iran’s Online Public: Politics and Culture in the Persian Blogosphere.


(Bild in gross)

Aus dem Abstract:

We used computational social network mapping in combination with human and automated content analysis to analyze the Iranian blogosphere. In contrast to the conventional wisdom that Iranian bloggers are mainly young democrats critical of the regime, we found a wide range of opinions representing religious conservative points of view as well as secular and reform-minded ones, and topics ranging from politics and human rights to poetry, religion, and pop culture. Our research indicates that the Persian blogosphere is indeed a large discussion space of approximately 60,000 routinely updated blogs featuring a rich and varied mix of bloggers. Social network analysis reveals the Iranian blogosphere to be dominated by four major network formations, or poles, with identifiable sub-clusters of bloggers within those poles. We label the poles as 1) Secular/Reformist, 2) Conservative/Religious, 3) Persian Poetry and Literature, and 4) Mixed Networks.

Hier das 68-Seiten lange Papier dazu.

Dienstag, 15. April 2008

Spam-Attacke

Gestern wurde eine meiner Mailadressen dazu verwendet, an andere Menschen Spam zu versenden. In der Regel passiert dies dadurch, dass fremde Rechner z.B. durch einen Virus/Trojaner übernommen werden und wahllos alle Mailadressen in einem Addressbuch zum Umgehen von Blacklisten verwendet werden. (Beliebt ist ja die Kombination Windows / Outlook wegen ihrer Scheunentore) Mir fiel es auf, weil innerhalb einer Stunde hunderte an “failure notices” an diese Mailadresse versendet wurden. Anscheinend sind davon einige aus dem Blog-Umfeld betroffen, wie man bei Twitter feststellen konnte. Eine erste Welle gab es gestern Nachmittag. Heute morgen klagten weitere über plötzliche Spamwellen. Da bei einer Person nur die übliche Mailadresse für Blog-Kommentare verwendet wurde, drängt sich der Verdacht auf, dass vielleicht ein Blog gehackt wurde und die Mailadressen zum Spammen verwendet wurde. Nur welches? Bei mir ist die Spam-Welle zum Glück wieder vorbei und es wurde nur eine eher unwichtige Mailadresse verwendet. Trotzdem nervig.

Sonntag, 13. April 2008

Politiker-Blogs in Deutschland und Malaysia

Die Welt hat sich die bloggenden Politker, ihr Verhalten bei Abgeordnetenwatch und die Social-Networking-Plattformen der Parteien in Deutschland mal etwas genauer angesehen und auch Markus dazu befragt:

Alle Parteien haben erkannt, dass der Auftritt im Internet sie ins Bewusstsein von Wählern zurückholt, die mit traditionellem Wahlkampf nicht erreicht werden. Die meisten Politiker experimentieren aber noch. Die Blogs von Ulrich Kelber (SPD), Dirk Niebel oder Hans-Joachim Otto (beide FDP) kranken daran, dass die Politiker sie nicht aktuell halten. “Wie ein Politikerblog funktionieren muss, das beweist nur Julia Seeliger aus dem Parteirat der Grünen”, sagt Markus Beckedahl. Auf julia-seeliger.de verbreitet die 28-Jährige grüne Ideologie, grünen Klatsch, aber auch Kritik an den Grünen - täglich. “Nur so kann ein Blog funktionieren”, sagt Beckedahl. Der Tonfall ist salopp bis schroff. Genau an diesem typischen Blogger-Ton stoßen sich viele. “Eine Anfrage ohne Anrede finde ich nicht akzeptabel”, sagt Dieter Wiefelspütz.

Was oft auf den Generationenunterschied geschoben wird, hat also offenbar auch kulturelle Ursachen: Wenn Blogger ein wenig höflicher wären, hätten sie unter Umständen auch ein besseres Image bei Politikern und auch Journalisten, wäre hier die Message.

Wie man davon unabhängig die Vorbehalte gegenüber Bloggern bei Politikern sehr schnell abbauen kann, hat auf der anderen Seite Malaysia bewiesen, wie Techdirt berichtet:

Almost exactly one year ago, some Malaysian politicians got into a bit of an argument with some bloggers and started trashing the entire concept of blogging — leading to some politicians there declaring that all bloggers needed to register themselves with the government if they wanted to keep blogging. That resulted in an uproar, and the politicians backed down on the registration requirement. In fact, they started to check out blogs a little more carefully, and even liked what they saw. By the end of that same month, the government agreed to set up a special government agency to follow blogs and interact with bloggers to respond to any concerns they might have. Fast forward a year and not only do some of the original leading critics of blogging have their own blogs, but the ruling political party is now requiring many of its political candidates to blog. Anyone who wants a “youth post” needs to have a blog. The guy in charge of the party’s youth wing explained: “All candidates must have blogs. If not, they are not qualified to be leaders.” So they’ve gone from hating blogs to requiring them in about a year.

Freitag, 11. April 2008

Deutsche Blogger sind unpolitisch und unreif?

Ich ärgere mich gerade ein wenig, meine beiden Rezensionsexemplare der neuen Bände der “Deutschen Gesellschaft für Online-Forschung” zwecks Abschlussarbeit verliehen habe. Sonst könnte ich mal genauer nachlesen, was die Netzeitung unter “Deutsche Blogger sind unpolitisch und unreif” titelt und ob die wissenschaftlichen Ergebnisse mit meiner praktischen Wahrnehmung übereinstimmen. So bleibt mir nur der Text aus der Netzeitung, wo mir aber einige Kleinigkeiten auffallen, die man mal kommentieren müsste.

Wenn man ein politisches Blog betreibt, bzw. sich mit Politik im Netz beschäftigt, wird man seit fünf Jahren gefragt, wieso das alles nicht so politisch wie in den USA ist. Die Antworten fallen mittlerweile etwas routinierter aus, weil einige Gründe relativ logisch sind:

* Erstmal haben die USA dreimal soviele Einwohner. Und viele Deutsche können US-Blogs lesen, umgekehrt ist das aufgrund der Sprachbarriere nicht so einfach. Mit anderen Worten: Deutsche Blogs erreichen theoretisch höchstens 100 Millionen, während US-Blogs theoretisch 1-2 Milliarden Leser erreichen können.
* Digitale Technologien werden in der Regel gerne früher in das Leben der US-Amerikaner integriert, Deutsche gelten als etwas konservativer.
* Die Medienkonzentration in den USA ist schon viel grösser und nach dem 11. September und dem Irak-Krieg gab es ein Vakuum an kritischen Positionen im Medienbetrieb. Dies führte dazu, dass Nischen von Blogs gefüllt wurden. In Deutschland kann man sich immer noch von linksradikal bis rechtsradikal die eigene Tageszeitung füs Weltbild kaufen.
* In den USA ist es gesellschaftlich normal, dass man sich zu einer Partei / einem politischen Kandidaten bekennt. In Deutschland ist das leider nicht so.

Aber kommen wir mal zu dem Netzeitungs-Artikel:

Der Grad der Politisierung dokumentiert insofern die Professionalisierung, als Themen außerhalb des ganz privaten Wahrnehmungsbereichs ein weitaus größeres Publikum ansprechen sollen und auf Wirkung außerhalb der Privatsphäre angelegt sind. Überprüft wurde durch eine differenzierte Stichwortanalyse, bei der z.B. die Häufigkeit von Begriffen wie «Irak», «George Bush», «Angela Merkel» oder «Terror» und «Saddam Hussein». Das Ergebnis ist prägnant: Keines der zahlreichen abgeprüften politischen Themen findet in mehr als einem halben Prozent der deutschsprachigen Blog-Einträge Verwendung, bei den US-amerikanischen in mehr als zehnmal soviel.

Wundert sich jemand über die untersuchten Stichwörter? Ich denke, dass es ein signifikanter Unterschied ist, ob man US-Blogs und DE-Blogs nach Stichwörtern wie «Saddam Hussein» und «Irak» durchsucht. Das ist das grosse Problem und politische Thema der USA. Da hat ihre Regierung grossen Mist angerichtet und die eigenen Soldaten sind vor Ort. Es wundert mich nicht, dass diese Themen in den US-Blogs zehnmal soviel vorkommen. Zumal die USA dreimal mehr EInwohner haben. Eher wundert es mich, dass die Zahl nicht viel höher ist.

Würde man andere Begriffe wie Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung oder Online-Durchsuchung verwenden, käme man definitiv zu einem anderen Ergebnis. Das sind seit einiger Zeit die politischen Themen der deutschen Blogosphäre und die Themen sind nicht so stark in den US-Politik-Blogs. Aber hier würde ich gerne mal die Original-Studie lesen, vielleicht sind ja noch andere Wörter verwendet worden als in dem Artikel zitiert. Und irgendwie muss man ja wissenschaftlich-methodisch da ran gehen.

Der nächste Punkt wundert mich auch etwas:

Deutsche A-List-Blogs verlinkten vorwiegend zu «Spiegel-Online», «Heise.de», «Netzeitung», ARD und BBC. Die an zweiter Stelle der Nennungen rangierende Bild-Zeitung verdankt ihre Position vorwiegend der häufigen Verlinkung durch das Bildblog, was laut Studie ihre Rolle relativiert. Ohne diese Links läge die «Bild»-Zeitung nur auf Rang 10 hinter der «FAZ», so der Studienbeitrag.

Viele Links zu Heise und Spiegel - geschenkt. Mach ich auch. Schaut man sich aber die “Leitmedien-Sektion” von Rivva.de an, wo mit Algorithmen in Blogs geschaut wird “Welche Quellen lieferten in den vergangenen 100 Tagen die meisten Titel-Stories?”, erhält man andere Ergebnisse. Hier stehen hinter Spiegel und Heise einige Blogs und viele Medien stehen erst dahinter. Gleiches gilt für die “Top 40 Medien: die in Blogs meistverlinkten deutschsprachigen, publizistischen Websites“. Hier werden die letzten sechs Monate Links nach Technorati gelistet. In den Top30 sind viele bekannte Medien, aber dahinter kommen einige Blogs. Und dann erst wieder bekannte Medienmarken.

Aber vermutlich sind die Wissenschaftler hier methodisch vorgegangen und haben in einem bestimmten Zeitraum einfach ausgehende Links von einigen definierten Blogs gezählt. US-Blogs verlinken auch gerne zur NYT und anderen Medien. Aber um so mehr werden Links innerhalb der eigenen politischen Netzwerke zu gleichgesinnten Blogs gesetzt. Das kennt man hier in Deutschland eher von der rechten Anti-Islam-Front.

Die Schlussfolgerungen des Artikels sind offen:

Die deutschsprachige Blogosphäre ist in dieser Hinsicht deutlich unreifer und auch weitaus undurchlässiger als die US-amerikanische. Wesentliche Fragen konnten die Forscher mit diesen Feststellungen jedoch noch nicht beantworten. Sind die gravierenden Unterschiede allein auf den unterschiedlichen Reifegrad zurückzuführen? Ist die Politiklastigkeit der populären US-Blogs überhaupt Ausdruck der höheren Reife? Oder gibt es gravierende gesellschaftliche Unterschiede bei der Beurteilung der Relevanz politischer Diskurse?

Ein Unterschied könnte auch sein, dass US-Politik-Blogs von Journalisten als Quellen genannt und verwendet werden. Peter Bihr hat sich in seiner Magisterarbeit über “Die Bedeutung von Weblogs für die Arbeit von Politikjournalisten” damit beschäftigt. Ergebnis war, dass Blogs für Politik-Journalisten in Deutschland (noch) keine Rolle spielen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Peter Bihr geht hier in den Kommentaren nochmal genauer auf die Ergebnisse seiner Arbeit ein.

Weiterer Punkt: In den USA gibt es auch viel mehr Blogs in sämtlichen Bevölkerungsteilen. Dort bloggen Professoren ebenso wie Prominente. In Deutschland ist jeder einzelne aus diesen Gruppen noch ein Exot. Am Wochenende hatte ich mir eine Forrester-Studie zu Blogs in Europa angeschaut. Im Durchschnitt sollen im Sommer 2007 9% aller Europäer ein Blog geschrieben haben (Jaja, was ist ein Blog?). Die Zahlen kamen dadurch zustande, dass in den Niederlanden 15% der Bürger ein Blog haben und in Deutschland nur 1%. Warum soll es dann überdurchschnittlich viele politische Blogger geben, wenn so wenig Deutsche überhaupt bloggen und die eigenen Politiker diese Werkzeuge nicht einmal nutzen?

Übrigens verwundert mich an dem Artikel vor allem die folgende Unterstellung zum Schluss:

Bei den deutschen Bloggern kann man gelegentlich den Eindruck gewinnen, so eine Studie wäre Geldverschwendung. Auf der Konferenz Re:publica wurde einmal mehr die These vorgebracht, der Journalismus werde in nächster Zeit verschwinden.

Wahrscheinlich war die Autorin auf einer anderen Konferenz. Mir ist nicht bekannt, dass auf der Bühne die These vertreten wurde, dass der Journalismus in nächster Zeit verschwinden würde. Ich lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen. Das Videomaterial steht ja online.

Sind deutsche Blogger jetzt unpolitisch und unreif? Ich glaube eher, dass ein Vergleich mit den USA aus den oben genannten Gründen etwas hinkt. Ansonsten freue ich mich natürlich über mehr politische Blogs oder politische Postings von Bloggern. Da könnte echt mehr passieren. Nicht nachvollziehen kann ich den letzten Satz:

“Angesichts des dokumentierten Status Quo ergibt sich daraus eine erschreckende Aussicht: Ein Leben in Deutschland ohne politische Meinungsbildung.”

Wer sich näher mit US-Blogs auseinandersetzen möchte, dem sei das Buch “Blogwars: The New Political Battleground” von David D. Perlmutter empfohlen. Vor drei Wochen erschienen und superspannend. Bisher das beste Buch, was ich zu dem Thema gelesen habe.

Update: Lesenswertes zu dem Artikel gibt es auch noch hier:

Wissenswerkstatt: Verständnisschwierigkeiten und kontraproduktive Schlagzeilen » Wie man den wissenschaftlichen Forschungsstand zum “Social Web” einseitig darstellt.
Media-Ocean: Wissenschaft meets Journalismus meets Blogs meets Netzeitung.

Update: Man hätte in dem Artikel ruhig noch darauf hinweisen können, dass die Untersuchung deutscher Blogs zwei Jahre alt ist und im Mai 2006 passierte.

Update: Was mir noch am Wochenende auffiel, als ich das Buch mit den Studien überflogen habe: Im Jahre 2006 haben die Wissenschaftler die Top100 der Deutschen Blog Charts mit den US-Top-Blogs nach Stichwörtern verglichen. Daran gibt es nichts zu kritieren, irgendwie muss man da ja methodisch rangehen. Aber bei einer Analyse der Daten solte man beachten, dass viele Top US-Blogs anders sind als deutsche Top-Blogs. Letzteres werden in der Regel von Einzelpersonen geschrieben, manchmal von kleinen Teams. Bei US-Blogs wie der Huffington Post und DailyKos handelt es sich aber um Communities. Alleine bei der Huffington Post arbeiten inklusive Redaktion vermutlich um die 200 Personen mit. Bei DailyKos kann jeder mitschreiben und da kommen noch viel mehr Beteiligte zusammen. Die Plattform erfüllt auch eine ähnliche Funktion, wie sie in Deutschland Parteien mit ihren lokalen Strukturen ausfüllen. Die Blogs aus den Deutschen Blogs Charts werden insgesamt also von weniger Menschen geschrieben als die gerade beschriebenen politischen US-Blogs einzeln. Daher wundert es mich eigentlich noch mehr, warum bestimmte Stichwörter nur zehnmal öfters in USA vorkamen.

Mittwoch, 9. April 2008

Beppe Grillo über Politik in Italien und sein Blog

Die Frankfurter Rundschau hat ein Interview mit dem italienischen Komiker Beppe Grillo über die politische Situation in Italien, die Folgen der Medienkonzentration und sein bekanntes Blog: “Nur Arme müssen Gesetze einhalten”.

FR: Deshalb betreiben Sie seit Jahren einen Blog, der zum bekanntesten Gegeninformations-Medium Italiens geworden ist. Glauben Sie an das Netz als Mittel, das Informationssystem zu verändern und dadurch die Politik?

BG: Aber sicher. Das Netz verändert die Art, über Politik zu denken. Es verändert die Verhältnisse zwischen den Menschen, also auch die politischen Verhältnisse. Wir sind schon dabei, uns zu verändern. Das geschieht in diesem Land sehr langsam, weil hier die Autobahnen, durch die die Informationen sausen sollten, aus Eselspfaden bestehen. 3000 von 8000 Gemeinden verfügen über keine DSL-Leitung, die italienische Telecom lässt jedermann Schutzgeld zahlen, es gibt keine Konkurrenz in der Telekommunikation. Aber das Netz ist trotzdem dabei, das Informationssystem Italiens zu verändern. Der Journalismus im Internet ist anders als in der Zeitung. Im Internet setzt sich jeder, der schreibt, dem Widerspruch seiner Leser aus. Im Netz muss man sich die Achtung seiner Leser, die Glaubwürdigkeit verdienen. Einem Zeitungsartikel kann niemand widersprechen.

 

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