Herr Innenminister: Wo bleibt die Blogger-Datei?

Kann jemand hier etwas mit den Begriffen REMO, LIMO und AUMO anfangen? Nein, bei REMO, LIMO und AUMO handelt es sich nicht um potentielle Namen für ein neues Waschmittel, sondern um so genannte Verbund-Dateien im polizeilichen Informationssystem INPOL (bzw. inzwischen wohl seinem Nachfolger INPOL-neu).

Erfasst werden seit 2001 Gewalttäter “zur Verhinderung politisch links oder rechts motivierter Straftaten, bzw. politisch motivierter Ausländerkriminalität”. Für die Einrichtung der drei Datenbanken wurde das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden bereits 2002 mit einem BigBrotherAward ausgezeichnet.

Für Fußballfans gibt es etwas ähnliches. Und zwar die umstrittene Datei “Gewalttäter Sport” der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS). Diese Datensammunlung gilt nach Urteilen des Verwaltungsgericht Hannover (Mai 2008) und des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg (Januar 2009) zwar als rechtswidrig, soll nach Angaben der Initiative “ProFans” aber nicht gelöscht, sondern nachträglich durch eine Rechtsverordnung “legalisiert” werden. Irgendwann.

Wer glaubt, dass in der Datei “Gewalttäter Sport” nur Hooligans (“Kategorie C”, “gewaltsuchender Fan”) geführt werden, irrt. Tatsächlich kann man wohl schneller in der Datei landen, als einem lieb ist. Zur Zeit sind etwa 11.000 Personen erfasst.

Ich habe mich ja immer gefragt, warum ich als netzpolitischer Blogger nicht auch in einer solch schönen Datei erfasst werde. Immerhin bin ich ja mindestens ein Gefährder Troublemaker (Oder wie man diese Menschen nennt, die Petitionen unterzeichnen und ins Internet schreiben?).

Zumindest für Globalisierungskritiker wird dieser Traum nun wohl wahr, wie ich bei Telepolis lese. Ok, ein Blog allein reicht zwar immer noch nicht, …

In der deutschen Datei “International agierende gewaltbereite Störer” (IgaSt) werden laut Bundesregierung politische Aktivisten abgelegt, gegen die im Rahmen früherer “Veranstaltungen mit Globalisierungsbezug” Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden. Gespeichert werden auch Referenten und Besucher von globalisierungskritischen Veranstaltungen im In- und Ausland oder Personen, die “im Inland als Globalisierungsgegner bekanntgeworden sind” und zu denen dem BKA “Erkenntnisse wegen Gewalttaten in der Vergangenheit vorliegen”. Hierfür reicht eine einfache Kontrolle in der Nähe von Demonstrationen.

… man muss tatsächlich noch vor die Tür gehen. Aber hee, das wird schon noch ,)

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Blogs, Campaigning, Datenschutz, Deutschland, Informationstechnologie, Menschenrechte und getagged , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL. Dieser Beitrag steht unter der Lizenz CC BY-NC-SA: Jörg-Olaf Schäfers, Netzpolitik.org.

15 Kommentare

  1. Erstellt am 21. April 2010 um 16:12 | Permanent-Link

    Dieses Internetdings hat ja auch irgendwas mit global zu tun…

  2. Unbekannt
    Erstellt am 21. April 2010 um 16:37 | Permanent-Link

    Habe ich etwas verpasst? Seit wann zählt die Wahrnehmung des grundrechtlich gesicherten Demonstrationsrechts als Gewalttat?

  3. Jo
    Erstellt am 21. April 2010 um 17:11 | Permanent-Link

    @Unbekannt: Etwa so lange, wie es üblich ist, für Beschwerdeverfahren gegen Polizisten postwendend ne Anzeige wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt zusammengeschustert zu bekommen. Wenn es die vielzitierten “rechtsfreien Räume” irgendwo hierzulande gibt, dann im (physischen) Umfeld von Demonstrationen.

  4. GHad
    Erstellt am 21. April 2010 um 17:19 | Permanent-Link

    In den USA läuft eine Demo auch schon unter terroristischer Versammlung, zumindest im FBI Trainingshandbuch.

    BTW: Was sind Grundrechte? Nazis, die auf dem Boden kriechen…

  5. @Jo
    Erstellt am 21. April 2010 um 17:39 | Permanent-Link

    Nicht zu vergessen, bei Verschärfung der Strafgewalt, wenn diese gegen Polizisten geht.

    http://www.ad-hoc-news.de/–/de/Politik/20454338

    Aber vielleicht landen wir ja alle in “IgaSt”, zu vermuten wäre es, zumal man eh nicht drüber informiert werden würde.

  6. Mono
    Erstellt am 21. April 2010 um 17:43 | Permanent-Link

    Wo ich grad “Gefährder” bzw. “Troublemaker” lese – Ich glaube viele Leute haben das Gefühl, dass es Deutschland gut tut, wenn man den “Nichtsnutzen” da oben entgegentritt – wie es die Piraten vor hunderten von Jahren taten.

    Aber wenn es heute gut und empfehlenswert ist, der Regierung zu misstrauen und sich als “Troublemaker” zu betätigen… Was ist dann mit der Regierung los?

    Ich bin jedenfalls optimistisch, dass es während meiner Lebzeit eine Regierungsform gibt, in der nicht 24/7 Wählerfang angesagt ist. Dann könnten die Politiker nämlich mal die Wahrheit sagen. Wäre das nicht schön? Ein Poliktiker, der einfach mal frank und frei sagt, was er persönlich für das Beste hält? (Und zwar öffentlich)

    Aber wenn man sieht, wie es derzeit mit der freien Software bergauf geht… Vielleicht gibt es ja wirklich irgendwann eine freie Regierung.

  7. Erstellt am 21. April 2010 um 18:06 | Permanent-Link

    Dazu ein – wie mir scheint passendes – Zitat:
    “Schämen sollen sich die Menschen, die sich gedankenlos der Wunder der Wissenschaft und Technik bedienen und nicht mehr davon geistig erfasst haben als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, die sie mit Wohlbehagen frisst.” A.Einstein

  8. Drizzt
    Erstellt am 21. April 2010 um 19:06 | Permanent-Link

    Wenn man sowas liest, bekommt recht gut vorgeführt, wer hier wirklich das Heft in der Hand hält.
    Deshalb an dieser Stelle eine (bestenfalls) Halb-OT-Buchempfehlung: „Daemon“ und „Freedom™“ von Daniel Suarez.

    Grüße,
    Drizzt

  9. Maschinist
    Erstellt am 21. April 2010 um 19:11 | Permanent-Link

    Willkommen bei der GesPol (Gesinnungs Polizei). War doch zu erwarten, wird es im stillen Kämmerlein bestimmt schon geben.

  10. Durden
    Erstellt am 21. April 2010 um 19:38 | Permanent-Link

    Am Ende gibt’s eine Kartei mit allen Leuten, die abweichendes Verhalten zeigen.

  11. Gregor P.
    Erstellt am 21. April 2010 um 22:45 | Permanent-Link

    Wenn ich das so lese, dann geht die Schmerzgrenze immer weiter runter – sprich, alles, was nicht so agiert wie gewollt, landet in einer Datei.

    Okay, Gewalt ist keine Lösung und sollte auch tunlichst abgehakt werden. Aber Protest, so wie bei einer Anti-Globalisierungsdemo, dass ist mir schon wichtig. Das Deutschland eine Datenbank fordet, tja – ich glaube das wir hier alle schon von Geburt an kriminell sind und deshalb vor uns geschützt werden müssen.

    Diese Entwicklung macht mir recht viele Sorgen, zumal eine Drohkulisse aufgebaut wird um diejenigen, die sich aufrichten, zum Schweigen zu bringen. Gerade der bay. Innenminister…herrje..Wo führt dass alles hin.

    Der Widerspruch in Sachen SWIFT / Google View mit dem transatlantischen Datenaustausch ist einem doch einleuchtend. Zum einen wird für Datenschutz geworben und rumkrakehlt. Dann muss umbedingt ein Scanner her, UAV und alles was technisch ist abgehört werden.

    Die Vernetzung der Datensätze bezieht sich nicht mehr auf den europäischen Raum. Amerikaner und Australier sind mit im Boot, damit sich auch niemand mehr sicher fühlt. Je enger dieses Maschennetz gezogen wird, desto mehr komme ich mir vor wie in einem virtuellen Arbeits- oder Straflager. Tütensuppe gratis.

    Die Gleichstellung von Gewalttätern mit pol. Aktivisten ist sowas von daneben…”kopfschüttel”…warum ist dass Interesse in der Öffentlichkeit so gering an dieser Fehlentwicklung. Wo bleiben, neben diesem Blog und dem von wenigen anderen Seiten, die Aufmacher um dieses Drohszenario bekannter zu machen?

  12. Cross
    Erstellt am 22. April 2010 um 06:21 | Permanent-Link

    Du meinst die Datei “Störer durch missbräuchlichen Verwendung der Presse- und Meinungsfreiheit” die gerade vom Ham***********gericht aufgebaut wird ;-) ?

  13. Erstellt am 22. April 2010 um 12:29 | Permanent-Link

    Kennt ihr das?

  14. Name(pflich)
    Erstellt am 23. April 2010 um 15:25 | Permanent-Link

    Heute (23.04.) berichtet auch SpOn darüber
    http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,690787,00.html

    Wer den Artikel oben und die verlinkten Artikel gelesen hat wird nichts (nicht viel) neues finden ;)

  15. UrAnus
    Erstellt am 24. April 2010 um 19:07 | Permanent-Link

    Ich bin letztes Jahr auf ner Demo auch gefilzt worden. Ich steh mit Sicherheit auch schon irgendwo. Nur mittlerweile wenn man sieht was los ist, muß man sich ja zynischer weise schon fragen, ob es als Gegner dieses immer totalitärer werdenden System nicht bald eine Ehre ist, gelistet zu sein.

4 Trackbacks

  1. Von Soup von egeck am 21. April 2010 um 15:24

    “Ich habe mich ja immer gefragt, warum ich als netzpolitischer Blogger nicht a…”…

    Ich habe mich ja immer gefragt, warum ich als netzpolitischer Blogger nicht auch in einer solch schönen Datei erfasst werde. Immerhin bin ich ja mindestens ein Gefährder Troublemaker (Oder wie man diese Menschen nennt, die Petitionen unterzeichnen und …

  2. [...] Herr Innenminister: Wo bleibt die Blogger-Datei? [...]

  3. Von links for 2010-04-21 « Sikks Weblog am 22. April 2010 um 02:07

    [...] Herr Innenminister: Wo bleibt die Blogger-Datei? : netzpolitik.org Um dem täglich sich vor unser aller Augen abspielenden Terror besser gewappnet zu sein, denken sich die Innenminister zuweilen Pläne aus, wie man besser die Kontrolle behält. Eine dieser Ideen ist es, alle irgendwie kritischen Leute in Listen zu schreiben. Das nutzt einem zwar nichts, aber wenn mal was ist, kann man ja immerhin sagen: Polizeibekannt! Jörg-Olaf Schäfers von netzpolitik.org beschreibt mal einige dieser Listen und wie leicht es für jeden von uns ist, auf so einer aufgenommen zu werden. Der letzte Link auf der Seite geht dann auf einen Telepolis-Artikel, der das Ganze noch etwas genauer unter die Lupe nimmt, diesen wollte ich eigentlich hier (oje: in meine Liste) aufnehmen, so haben wir jetzt beides. (tags: wrb Terrorabwehr Überwachung) [...]

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