Vorratsdatenspeicherung: Anbieter speichern illegal weit mehr als erlaubt

Aus einem heute vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung veröffentlichten Schreiben des Bundesbeauftragten für Datenschutz an das Bundesverfassungsgericht, geht hervor, dass Telekommunikationsanbieter bei der Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung ohne Rechtsgrundlage deutlich mehr Daten erheben und speichern als erlaubt (Schreiben des Bundesdatenschutzbeauftragten, PDF) .

Im Rahmen eines Evaluierungsprojekts der Artikel 29-Gruppe der EU-Mitgliedsstaaten zur Umsetzung der Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung wurde geprüft, inwieweit Datenschutzerfordernisse in Bezug auf die Art der gespeicherten Daten, Sicherheitsmaßnahmen, Prävention von Missbrauch sowie die Verpflichtungen aus Speicherfristen durch die Unternehmen erfüllt werden. Dazu beantworteten sechs repräsentative, deutsche Unternehmen die Fragebögen der Datenschützer und wurden auch vor Ort geprüft.

Das Ergebnis ist erschreckend, denn die betroffenen Unternehmen speichern deutlich mehr Daten als vom Gesetzgeber überhaupt gefordert: Illegal erfasst würden Informationen über die Nutzung von Internet-Zugängen, Handys, Internet-Hotspots, E-Mail und Telefonanschlüssen. Von Nutzern mobiler Internetzugänge würde gar der jeweilige Standort “lückenlos erfasst”, so dass bei einem Anbieter das Bewegungsverhalten der Nutzer in den vergangenen sechs Monaten auf 15 Minuten genau “präzise nachzuverfolgen” sei.

Auch die technisch-organisatorischen Regeln zur Aufbewahrung und zum Zugriff auf die Daten lesen sich sehr beunruhigend: Viele Anbieter bewahrten die sensiblen Daten über Kontakte, Bewegungen und Internetnutzung weit länger als die vorgeschriebenen sechs Monate auf, teilweise bis zu einem Jahr. Bei einem Unternehmen sei sogar beabsichtigt gewesen, Auskunftsschreiben als “Handelsbriefe” bis zu 10 Jahre zu archivieren. Zugriffe auf die hochsensiblen Kommunikationsdaten würden oftmals nicht protokolliert und seien dadurch nicht nachvollziehbar. Bei einem Unternehmen waren Mitarbeiter mit Zugriff auf die Vorratsdaten gar in einem Großraumbüro mit anderen Kollegen untergebracht. Die richterlichen Zugriffserlaubnisse seien “recht häufig” mangelhaft und benannten keine der gesetzlichen Katalogstraftaten.

Am morgigen Dienstag verhandelt das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe um 10:00 Uhr die Verfassungsbeschwerden von über 34.000 Bürgern. Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung informiert dazu vor Ort in Karlsruhe und im Internet.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Datenschutz, Deutschland, Digital Rights und getagged , , , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL. Dieser Beitrag steht unter der Lizenz CC BY-NC-SA: Florian Altherr, Netzpolitik.org.

14 Kommentare

  1. Dai Mudha
    Erstellt am 14. Dezember 2009 um 12:27 | Permanent-Link

    Putzig. Weiß die Bundesnetzagentur schon davon?

  2. Prometheus
    Erstellt am 14. Dezember 2009 um 12:34 | Permanent-Link

    Kann ich jetzt eigentlich Rechtlich gegen meinen Provider/Anbieter vorgehen?

    Steht ja nicht in den AGBs und ist auch nicht Gesetzlich gefordert!

  3. Erstellt am 14. Dezember 2009 um 12:58 | Permanent-Link

    Eine gute Zusammenfassung.
    Was ich an dem Protokoll bedenklich finde ist, dass ~17% der Befragten die Vorratssdaten zusammen mit den Ueblichen speichern. Dass dabei der Standort teilweise exakt ueberpruefbar ist, erfuellt die “paranoia” vieler Internetnutzer und Bekannter von mir – 1984 ist nicht so weit gewesen.
    Weiterhin wurden IP Zuordnungen ohne Rechtsgrundlage fuer Straftaten hinausgegeben, die keine Katalogstraftaten (Mord, Terrorismus, etc.) sind. Das wurde auch durch “Drohungen/direkte Bitten” der Sicherheitsbehoerden erreicht. Damit ist zusammenfassend festzustellen:
    Es ist moeglich, den genauen Standort von Handynutzern festzustellen, wie auch das Abrufen dieser Informationen in Faellen bei denen schon die Aufloesung der IP illegal waere.

    Was mich interessieren wuerde: In wievielen Faellen und fuer welche Straftaten wurden die Daten wirklich uebermittelt, wurden die Betroffenen darueber informiert? Vielleicht im Rahmen einer kleinen Anfrage.

  4. Simon
    Erstellt am 14. Dezember 2009 um 13:12 | Permanent-Link

    Die Provider und Co werden noch ganz gewaltig auf die Fresse fallen, nämlich spätestens dann wenn die Kunden merken wie sie verarscht werden und den Providern weglaufen.

    Und auf einmal sind VDSL5000 mit Super-Duper-Bonus-Mega-Entertainment gar nicht mehr so gewollt. Zumindest bis die Kunden es wieder vergessen haben was die Provider so machen.

    Also liebe CDU: Verbietet VPNs und SSH-Tunnel, sowie sämtliche Verschlüsselungen, ausserdem noch Server im Ausland usw. Ist doch höchst kriminell wenn man sich der VDS und der illegalen Datenerhebung entziehen will.

  5. Hyperboreas
    Erstellt am 14. Dezember 2009 um 13:58 | Permanent-Link

    @Simon
    Wo sollen sie denn – realistisch gesehen – hinlaufen?

  6. Erstellt am 14. Dezember 2009 um 14:56 | Permanent-Link

    Komisch… irgendwie überrascht mich das überhaupt nicht… mehr :(…

  7. Simon
    Erstellt am 14. Dezember 2009 um 15:35 | Permanent-Link

    @6: Gibt doch auch noch kleine Anbieter, im Endeffekt wirds die Masse machen. Den Großen sollen ruhig mal ein paar Kunden abhanden kommen. Wenn die Verluste größer sind als die Geldkoffer der anderen Lobbies dann überlegen die sich schon was sie in Zukunft tun.

    Ist wie mit nem Handy: Man will es haben, brauchts aber nicht unbedingt. Ich denke das viele Menschen auch noch ohne Internet leben können, bzw. dem Nachbarn was dafür bezahlen würden um den Anschluss mit zu benutzen (zwecks VPN etc).

    Und/oder es wird nur noch DSL1000 gemietet statt DSL50000, ist doch eh überbewertet. Wer trotz bald noch höherer TV-Gebühren einen TV haben und nutzen möchte kann dies ja noch anonym via Satellit tun ohne dafür seine DSL-Leitung zu benutzen.

  8. dot tilde dot
    Erstellt am 14. Dezember 2009 um 16:24 | Permanent-Link

    die wikipedia erklärt recht gut, auf was sich das ungenannte unternehmen beruft:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Handelsbrief

    .~.

  9. Erstellt am 14. Dezember 2009 um 17:07 | Permanent-Link

    Um es mal mit dem Arpanet Erfinder Leonard Kleinrock zusagen: \Ihre Privatsphäre verschwindet, finden Sie sich damit ab.\

  10. Erstellt am 14. Dezember 2009 um 17:08 | Permanent-Link

    Und meine Anführungszeichen auch … ich dachte ich sag’s trotzdem mal.

  11. daniel
    Erstellt am 14. Dezember 2009 um 19:57 | Permanent-Link

    zwar nicht ueberraschend, dennoch ein ungutes gefuehl zu sehen, dass konzerne quasi rechtsfrei agieren.

    welche moeglichkeiten haben konsumenten ihre rechte zu waren (im optimalfall ohne sich dabei in langwierige schwer-finanzierbare rechtsstreits zu begeben)?

  12. Erstellt am 14. Dezember 2009 um 21:40 | Permanent-Link

    Was erwartet ihr denn eigentlich?
    Solange alle weiterhin schön mitmachen, wird sich nichts ändern.

  13. Hilde
    Erstellt am 15. Dezember 2009 um 13:55 | Permanent-Link

    Na und? Irgendwie muss man doch die 17.000 Ex-Stasi-Mitarbeiter (Dunkelziffer liegt wahrscheinlich höher) nutz- und gewinnbringend einsetzen. Die haben während ihrer Tätigkeit für das MfS auch nichts anderes gemacht, als personenbezogene Daten zu sammeln, auszuwerten und langfristig zu archivieren.

  14. psy0p
    Erstellt am 9. Januar 2010 um 05:40 | Permanent-Link

    ich finde es ist irgendwie naiv zu glauben das sich daran irgendetwas zum positiven ändern wird. klar man kann leicht sagen wenn alle so denken dann wird sich wirklich nie etwas ändern, aber man muss realistisch bleiben. Guckt euch doch nur mal so um im sogenannten \Mainstream\ um, da überrascht es mich doch sehr das es noch so viele optimistische stimmen gibt. Jedem der die letzten Jahre die politik und wirtschaftliche entwicklung verfolgt hat sollte eigentlich klar sein wo die Reise hin geht und das mit jedem Tag der vergeht eine Umkehr dieser Entwicklung noch aussichtsloser erscheint.

13 Trackbacks

  1. Von streetcleaner's never ending stream am 14. Dezember 2009 um 13:35

    “Aus einem heute vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung veröffentlichten Sch…”…

    Aus einem heute vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung veröffentlichten Schreiben des Bundesbeauftragten für Datenschutz an das Bundesverfassungsgericht, geht hervor, dass Telekommunikationsanbieter bei der Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung ohne …

  2. Von Compyblog am 14. Dezember 2009 um 14:07

    VDS übertrieben…

    Interessant, was netzpolitik.org aufgetan hat. Es gibt da wohl eine Untersuchung des Bundesdatenschutzbeauftragten zur Umsetzung der verdachtsunabhängigen Verbindungsvorratsdatenspeicherung, die Gruseliges zum Vorschein gebracht hat:Illegal erfasst wür…

  3. Von Speicherwut « BeratungsRauschen am 14. Dezember 2009 um 14:09

    [...] Neuen Erkenntnissen zufolge speichern manche Anbieter von Telekommunikationsdiensten wesentlich mehr Daten, als das Gesetz fordert und bewahren diese teilweise auch wesentlich länger auf. Netzpolitik.org schreibt dazu: Das Ergebnis ist erschreckend, denn die betroffenen Unternehmen speichern deutlich mehr Daten als vom Gesetzgeber überhaupt gefordert: Illegal erfasst würden Informationen über die Nutzung von Internet-Zugängen, Handys, Internet-Hotspots, E-Mail und Telefonanschlüssen. Von Nutzern mobiler Internetzugänge würde gar der jeweilige Standort “lückenlos erfasst”, so dass bei einem Anbieter das Bewegungsverhalten der Nutzer in den vergangenen sechs Monaten auf 15 Minuten genau “präzise nachzuverfolgen” sei. [...]

  4. Von jot*be’s soup am 14. Dezember 2009 um 14:16

    “Das Ergebnis ist erschreckend, denn die betroffenen Unternehmen speichern deu…”…

    Das Ergebnis ist erschreckend, denn die betroffenen Unternehmen speichern deutlich mehr Daten als vom Gesetzgeber überhaupt gefordert: Illegal erfasst würden Informationen über die Nutzung von Internet-Zugängen, Handys, Internet-Hotspots, E-Mail und Te…

  5. [...] Datenhalden entstehen, welche ein enormes Missbrauchspotential eröffnen, so speichern heute schon Anbieter illegal weit mehr als erlaubt, halten sich nicht an die vorgeschriebenen Regeln zur Aufbewahrung bezüglich der Dauer sowie [...]

  6. [...] In einem Schreiben des Bundesdatenschutzbeauftragen an das Bundesverfassungsgericht werden viele unglaubliche Verstöße offenkundig. Netzpolitik.org führt das sehr schön aus. [...]

  7. [...] zum Artikel Foto: http://www.markusspiske.com [...]

  8. Von Das Datenschutzquiz « Nussbaumpark's Blog am 14. Dezember 2009 um 17:54

    [...] berichtet netzpolitik.org in einem interessanten Blog-Beitrag (die Blogs müssen allmählich wirklich alles selber machen) über die Erfahrungen, die Peter [...]

  9. Von » LINKLOAD vom 14.12.2009 [UPLOAD Blog] am 14. Dezember 2009 um 20:48

    [...] Ist die Vorratsdatenspeicherung an sich schon streitbar genug, setzen offenbar viele Telekommunikationsanbieter noch einen drauf und speichern sehr viel mehr Daten… [...]

  10. [...] Vorratsdatenspeicherung: Anbieter speichern illegal weit mehr als erlaubt: Florian bleibt bei Netzpolitik.org am Thema Vorratsdatenspeicherung dran und erläutert in diesem Beitrag, dass die Anbieter sich offenbar an … äh … quasi nichts halten und mehr speichern als ihnen gestattet ist. [...]

  11. [...] bei weitem meine persönliche Nachfrage. Und die Bewegungsprofile, die die Provider anlegen und vermutlich widerrechtlich sammeln machen mir da sehr viel mehr Sorgen. Und wer unbedingt will, kann sich das iPhone ja jailbreaken [...]

  12. [...] sie sollen, mehr als sie dürfen. Die Ahnungslosigkeit bei den Technikern ist groß. Mehr dazu hat netzpolitik.org, auch das entsprechende PDF-Dokument von Peter Schaar. Insbesondere die Seiten drei bis sechs [...]

  13. [...] oder zuletzt beim Sicherheitspolizeigesetz zeigen, wird auch bei der Vorratsdatenspeicherung der unkontrollierten Datensammlung und dem Missbrauch bei der Überwachung Tür und Tor geöffnet [...]

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