Neuigkeiten von der Zensursula-Front

Es gibt Neuigkeiten von der Zensursula-Front. nach Angaben des Providerverbandes ECO wird es wohl keinen Einspruch der EU-Kommission geben. Das berichtet Heise: Brüssel signalisiert grünes Licht für Sperrgesetz. Etwas anderes wäre zwar schön gewesen, hätte mich aber auch verwundert. Die nächsten Schritte sind dann eine offizielle Bestätigung durch die EU-Kommission und die Unterschrift des Bundespräsidenten.

Dazu gibt es ein Urteil des Verwaltungsgericht Wiesbaden, was Heise weiter beschreibt:

Das Verwaltungsgericht Wiesbaden hat das Bundeskriminalamt (BKA) mittlerweile aufgefordert (PDF-Datei), unverzüglich “eindeutige eidesstattliche Versicherungen” abzugeben, dass der zwischen dem BKA und dem Zugangsanbieter Arcor/Vodafone geschlossene Sperrvertrag bislang nicht umgesetzt worden sei und eine Übermittlung der geplanten Filterliste nur nach Inkrafttreten des Gesetzes erfolge. Andernfalls müsse ein Eilverfahren gegen das BKA fortgeführt und die Frage der Nichtigkeit des Vertrags geklärt werden. Angegriffen hatte die Vereinbarung ein Arcor-Kunde, der auch als Webhoster tätig ist. Die Anwältin des Klägers, Eva Dworschak aus Bremen, kündigte ferner an, gegen Bescheide des Oberlandgerichts Frankfurt in einem zivilrechtlichen Parallelverfahren gegen Arcor direkt Verfassungsbeschwerde einzulegen. Die Berufungsinstanz hatte die Ablehnung eines Antrags auf einstweilige Verfügung gegen Arcor durch das Frankfurter Landgericht bestätigt. Demnach gibt es keinen Grund für ein Einschreiten gegen den Sperrvertrag. Für die Frankfurter Kammern sind die Blockaden nur gegen kinderpornographische Seiten gerichtet. Sie stellten für den Kläger zudem keine Gefahr da, weil sie nach dessen eigener Darstellung leicht zu umgehen seien.

Auf Twitter verbreitete sich die Nachricht heute Mittag rasent schnell, dass das Gericht dem BKA die Umsetzung der Sperrverträge mit Providern verboten habe. Torsten Kleinz hat sich aber das aber genauer angeschaut:

In dem im zu Grunde liegenden Blogbeitrag ist der Schriftsatz verlinkt, der eine ganz andere Sprache spricht. Hier wird lediglich auf eine unzureichende eidesstattliche Versicherung des BKA vom April verwiesen. Legt das BKA eine nachgebesserte Erklärung vor, ist das Verwaltungsgerichtsverfahren hinfällig. Legt das BKA keine ausreichende Erklärung vor, beschäftigt sich das Verwaltungsgericht überhaupt erst Mal mit der Frage, inwieweit diese Sperrverträge gegen die Rechte des Klägers verstoßen.

In einer Pressemitteilung forderte der Arbeitskreis gegen Internet-Sperren und Zensur die umgehende Rücknahme des Zugangserschwerungsgesetzes im Rahmen der Koalitionsverhandlungen: Neue Koalition soll Zugangserschwerungsgesetz zurücknehmen.

Was mir immer noch unklar ist: Was ist eigentlich, wenn unerwarteterweise die FDP in den Koalitionsverhandlungen durchsetzt, dass das Gesetz tatsächlich zurückgenommen wird? Die SPD hatte ja dieses Gesetz der CDU/CSU aufgedrängt und vielleicht hat letzteres gar kein großes Interesse daran. Was also passiert, wenn das Gesetz fällt: Bleibt es dann bei den Verträgen und der Ankündigung der großen Provider, diese zu erfüllen und wäre damit irgendwas gewonnen? Oder ist es überhaupt realistisch, dass die FDP auch gegen die CDU/CSU durchsetzt, die Verträge zurückzunehmen, wenn einige Provider wie Vodafone schon verkündet haben, selbstverständlich und gerne den “Schund” aus dem Netz zu sperren?

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Deutschland, Digital Rights, Zensur und getagged , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL. Dieser Beitrag steht unter der Lizenz CC BY-NC-SA: Markus Beckedahl, Netzpolitik.org.

25 Kommentare

  1. Thaniell
    Erstellt am 8. Oktober 2009 um 21:24 | Permanent-Link

    Naja die Verträge sind ja schon nach Aussage der GroKo illegal (weswegen man das Gesetz angeblich brauchte, damit sich die Provider nicht strafbar machen^^), sollte man also wegklagen können. Gut das fußt jetzt auf der Annahme, dass sie da ausnahmsweise mal wussten was sie reden…

  2. unfassbar
    Erstellt am 8. Oktober 2009 um 21:25 | Permanent-Link

    Die SPD hat der CDU das Gesetzt aufgedrängt? Muss ich was verpasst haben?!

    • markus
      Erstellt am 8. Oktober 2009 um 21:27 | Permanent-Link

      @unfassbar: Anscheinend. Die CDU wollte das ohne Gesetz und mit den Verträgen lösen.

  3. unfassbar
    Erstellt am 8. Oktober 2009 um 21:31 | Permanent-Link

    @markus Axo, in dieser Hinsicht. Verstehe. Danke für die Klarstellung.

  4. x
    Erstellt am 8. Oktober 2009 um 21:41 | Permanent-Link

    Und das sperren von Alternativen DNS Servern erprobt man ja auch schon.
    http://www.zdnet.de/sicherheit_in_der_praxis_sperre_von_freien_dns_servern_so_umgeht_man_die_blockade_story-39001543-41502966-1.htm

    Als nächstes ist das sicher VPN dran.

    • markus
      Erstellt am 8. Oktober 2009 um 21:42 | Permanent-Link

      @x: Der ZDNet artikel war jetzt nicht so der große Beweis für Zensursula-Phantasien, sondern eher dafür, wie in der Praxis von großen Telkos die Netzneutralität verletzt wird.

  5. Erstellt am 8. Oktober 2009 um 21:46 | Permanent-Link

    Ich glaube es ist derzeit sicher recht spannend was nun bei den Koalitionsverhandlungen entschieden wird. Die FDP hat sich ja eindeutig gegen dieses Gesetz ausgesprochen – was aber nichts aussagt weil sie durchaus eben beim “Verhandlungspoker” sicher da Schäuble machen läßt was er weil wenn die FDP dafür beim Gesundheitsfonds Zusagen bekommt. Andereseits kann die CDU/CSU Fraktion bei diesem Gegenwind auch relativ lleicht auf weitere Internetsperraktionen verzichten wenn Sie dafür Zugeständnisse der FDP kriegt. Ich schätze , dass zur Zeit eben alle Provider in einer sehr unsicheren Lage sind – das ist eben das doofe bei Regierungswechsel – es dauert immer relativ lange bis sich wieder klare Richtungen abzeichnen.

  6. Erstellt am 8. Oktober 2009 um 21:53 | Permanent-Link

    Was kann man von der EU-Kommission anders erwarten, de in den letzten Jahren konsequent den Aufbau von Überwachungsstaatsmaßnahmen vorangetrieben hat (oder über die konservative Politiker aus den Mitgliedsländern dies vorangetrieben haben, um es dann als “Sachzwang” zu verkaufen)?

    Ich glaube nicht, dass die FDP sich in diesem Bereich sehr weit durchsetzen wird, da ihre Prioritäten momentan leider nicht auf den Bürgerrechten liegen.

  7. Erstellt am 8. Oktober 2009 um 22:05 | Permanent-Link

    Die Verträge bilden keine Grundlage für eine Sperrung. Das ergibt sich sehr klar auch aus dem Hinweis des Verwaltungsgerichts.

  8. Erstellt am 8. Oktober 2009 um 22:07 | Permanent-Link

    Schöne Scheisse :(

  9. gant
    Erstellt am 8. Oktober 2009 um 22:50 | Permanent-Link

    Da sich ohnehin abzeichnet, dass das Gesetz vor dem BVerfG scheitern wird, sollte Köhler es tatsächlich ausfertigen, glaube ich eher, dass die Union es als Fauspfand für die Koalitionsverhandlungen verwendet:
    Einerseits droht der FDP gewaltiger Gesichtsverlust, sollte das Gesetz durch die Koalitionsverhandlungen nicht gekippt werden. Andererseits kostet es der Union nichts. Ein kurzes Aufkochen des Zensursula-Fails ist ohnehin zu erwarten. Und da sie ohnehin das Resort wechselt, ist es im Grunde egal.

    Die FDP könnte aber auch taktieren: soll die Union doch ruhig am Gesetz festhalten – die FDP wird dann eben großkotzig die Verfassungsklage aufbauschen…

    Popcorn.

  10. Holzwurm52
    Erstellt am 8. Oktober 2009 um 23:11 | Permanent-Link

    glaube eher, dass sich die Doofen durchsetzen werden. “Ein Browser ist halt eine Art Kaffeemaschine, die man zum Telefonieren nutzen kann und wenn man auflegt, klingelt es laut….”

    Freiheit für die Kommunikation und unser Internet. Ohne Stoppschilder von Zensi und Wolfi.
    jepp.

  11. Erstellt am 8. Oktober 2009 um 23:21 | Permanent-Link

    Die SPD hat der CDU/CSU das Gesetz aufgedrängt – was für eine krude Formulierung.

  12. Andi
    Erstellt am 8. Oktober 2009 um 23:31 | Permanent-Link

    Laut FAZ ist zum Gesetz bei den Koalitionsverhandlungen angeblich eine “gewisse Begradigung in Aussicht”.

  13. chris
    Erstellt am 9. Oktober 2009 um 01:33 | Permanent-Link

    Die FDP soll das Zensurgesetz kippen wollen? Aber das ist doch so praktisch, um gegen Urheberrechtsverletzungen vorzugehen …

    • Baum Fan
      Erstellt am 9. Oktober 2009 um 09:27 | Permanent-Link

      Tjo da hast Du wohl wenig Ahnung von der FDP. Es gibt in der FDP nicht nur den “Flügel” Wirtschaftsvertreter, sondern auch den “Flügel” der Bürgerrechtsvertreter. Als erste Anlaufstelle sehe man hier mal auf Gerhart Baum oder Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und deren Verfassungsklagen.

      • markus
        Erstellt am 9. Oktober 2009 um 11:36 | Permanent-Link

        @Baum Fan: Du wirst ja mit Deiner großen Kenntnis in der Flügelarithmetik der FDP sicherlich erklären können, wie groß und mächtig der Bürgerrechtsflügel in der FDP im Vergleich zum Wirtschaftsflügel ist.

  14. Erstellt am 9. Oktober 2009 um 02:29 | Permanent-Link

    Die wollen doch alles zensieren.

  15. Flurryman
    Erstellt am 9. Oktober 2009 um 08:39 | Permanent-Link

    @Robin: Doch, das kann man so sagen. Federführend für das Gesetz war das Bundeswirtschaftsministerium zusammen mit dem Bundesjustizministerium (nicht etwas Frau vdL, die war nur das populistische Aushängeschild), und Frau Zypries hat gesagt, ohne eine gesetzliche Grundlage spielt die SPD nicht mit. Die CDU hätte es auch nur auf Basis der Providerverträge gemacht.

  16. Dan
    Erstellt am 9. Oktober 2009 um 11:35 | Permanent-Link

    Kann mich leider nur anschliessen. Echt scheisse…

  17. NochnBaumFan
    Erstellt am 9. Oktober 2009 um 13:03 | Permanent-Link

    Der Baum war mächtig genug, einen NRW-Innenminister zu stoppen. Außerdem ist der so alt und erfahren als Ex-Bundesinnenminister, der läßt sich in bestimmten Dingen, wie bspw. auch den Einsatz der Bundeswehr im Inneren, von niemandem mehr was sagen… Würd’ ich denken.

    • markus
      Erstellt am 9. Oktober 2009 um 13:08 | Permanent-Link

      @NochnBaumFan: Das unterschreibe ich ja sofort. Aber Baum ist alt und spielt im derzeitigen Posten-Poker keine Rolle. Und der angesprochene NRW-Innenminister kommt auch aus der FDP.

  18. Viele Baumfans
    Erstellt am 9. Oktober 2009 um 17:22 | Permanent-Link

    @ 23 NochnBaumFan, Markus und überhaupt alle: Die BW im Innern ist angeblich schon vom Tisch. Zu den Netzsperren ist der verlinkte FAZ-Artikel wirklich lesenswert!
    Gerhart Baum ist inzwischen tatsächlich nicht mehr der Jüngste, aber er hat Dr. W. aus B. erfolgreich dazu gebracht, auch Bürgerrechtsthemen auf seiner Agenda und nicht nur alberne Zahlen unter den Schuhen zu haben.
    Übrigens gehören zu einer liberalen Partei immer beide Flügel, ich bin mal wegen Gerhart Baum UND Otto Graf Lambsdorff eingetreten (wegen Dr. W. dann aber doch nicht geblieben)

  19. Erstellt am 9. Oktober 2009 um 19:06 | Permanent-Link

    Mein Gott, was geschieht nur?
    Allerdings glaube ich nicht, dass die SPD der CDU das Gesetz aufgedrängt hat

  20. Xaerdys
    Erstellt am 10. Oktober 2009 um 15:15 | Permanent-Link

    @killergeneration: Wie Markus schon erläutert hat, von der CDU stammt der Sperrgedanke, sowie die Initiative zum Vertragsschluss. Die SPD hat auf ein Gesetz gedrängt, weil sie die Verträge für eine unzureichende Grundlage hielt.

    Die Verträge halte ich für verfassungswidrig. Es kann dem Staat nicht erlaubt sein, in die Grundrechte der Bürger einzuschneiden und dies über private Verträge zu tarnen.

    Art. 94 Nr. 4a GG erfasst allerdings wie alle Verfassungsklagen jegliche Maßnahmen der öffentlichen Gewalt, nicht nur Gesetze. Das Bundesverfassungsgericht wird dies genauso sehen.

5 Trackbacks

  1. [...] this to Mister WongMark this on BlogMarksShare this on FleckShare this on Blogosphere NewsLaut Netzpolitik wird es, nach Angaben des Providerverbandes ECO, wohl keinen Einspruch der EU-Kommission gegen das [...]

  2. [...] netzpolitik.org bemerkt, brüstet sich ja die SPD damit, das Internetsperrgesetz durchgesetzt zu haben, um die [...]

  3. Von Bits und so #168 (Phisting) | Bits und so am 10. Oktober 2009 um 17:26

    [...] Neues von Zensursula [...]

  4. Von Netzsperren (vorerst) vom Tisch | Scatterd am 10. Oktober 2009 um 20:27

    [...] zuständigem Referatsleiter vom Gericht eingefordert. Gleichzeitig hat aber auch die EU-Kommission grünes Licht für das Sperrgesetz gegeben. Es bleibt also spannend in der [...]

  5. Von Bits und so #168 (Phisting) « TechNews am 6. Dezember 2009 um 14:36

    [...] Neues von Zensursula [...]

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Anzeige
Die von uns verfassten Inhalte stehen unter der Lizenz CC BY-NC-SA.
Netzpolitik.org nutzt Wordpress. Das Design ist ein Thematic-Kind von Linus Neumann.