Die Selbsthilfegruppe “Heidelberger Appell” tagt

Die FAZ hat gestern einen Kongress der Selbsthilfegruppe “Heidelberger Appell” gesponsert und Thierry Chervel war für den Perlentaucher vor Ort und berichtet: Die Früchte des Internets. Die Veranstaltung war anscheinend lustiger als gedacht, wenn man sowas liest:

Reuß betonte zu Beginn seines Vortrags, dass es ihm ausschließlich um die persönlichkeitsrechtlichen, keineswegs die vermögensrechtlichen Aspekte des Themas gehe, nämlich um sein verbrieftes Recht als Autor zu bestimmen, in welcher Form seine Werke publiziert werden. Und dies auch gegen die “allgemeine Respektlosigkeit der sogenannten Konsumenten”. Es herrsche im Internet ein “hedonistischer und antiindividualistischer Furor, der leicht ins Kannibalistische abgleiten kann”. Gegen die “populistischen Diskurse” derer, die “alles gleich und umsonst haben wollen” brachte er das “geistige und sittliche Band zwischen Autor und Werk” in Anschlag. Er sei wie der Vater seiner Werke. Der von ihm beschworene Zwang zu Open Access und Googles Bemächtigung erschienen wie eine Entführung seiner Kinder in ein Stadion, wo sie dann ohne weitere Aufsicht einem entfesselten Mob ausgeliefert wären.

Da weiß ich gar nicht, welche Stilblüte ich faszinierender finde. Der Text ist voll davon. Auch gut sind die “Eunuchen”:

Seine Gegner machte Reuß nicht namhaft, sprach nur von “Plagiatori im Internet” und “Geschäftmodelljodlern, die mit den Stimmen von Eunuchen sprechen, welche, selbst unfruchtbar, mit der Arbeit anderer Geld verdienen wollen”. Am Ende seiner Rede wurde er konkret: “Das Zivilrecht reicht nicht aus.” Reuß forderte ein selbsttätiges Eingreifen der Staatsanwaltschaft. Dafür müssten Urheberrechtsverstöße zur Straftat erklärt werden. Und dies möglichst auf europäischer Ebene. Das aufgewühlte Publikum entließ er in die Kaffeepause.

Richtig lachen musste ich aber beim Volker Rieble und Thierry Chervels Kommentar zu den Bibliotheken:

Eine ähnlich extreme Position vertrat in etwas brachialer, aber unterhaltsamer Rhetorik danach nur der Heidelberger Arbeitsrechtler Volker Rieble, der aber betonte, nicht als Juraprofessor, sondern in seiner Eigenschaft als Autor zu sprechen. Er bestand sozusagen auf der totalen Publikationsfreiheit als Wissenschaftler. Auch Förderung durch Steuerzahler und sein Status als von der Öffentlichkeit alimentierter Kopf, der der Allgemeinheit in irgendeiner Weise nützlich sein sollte, dürfe keinen Einfluss auf sein Publizieren haben. Er sah sich zum Beispiel als Teil einer Elite und möchte bestimmte seiner Werke nicht ohne seine Zustimmung einem von ihm als unqualifiziert angesehenen Netzpublikum zugeführt sehen. Bei späterer Gelegenheit wird er sicherlich erklären, wie er den Zugang zu Bibliotheken zu regulieren gedenkt.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Deutschland, Digitalkultur, Urheberrecht und getagged , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL. Dieser Beitrag steht unter der Lizenz CC BY-NC-SA: Markus Beckedahl, Netzpolitik.org.

9 Kommentare

  1. Floh
    Erstellt am 16. Juli 2009 um 11:32 | Permanent-Link

    Da geben sich einige einige Mühe, sich selbst zu deklassieren – es sei denn, es war als Witz gemeint…

  2. metaph3r
    Erstellt am 16. Juli 2009 um 11:37 | Permanent-Link

    BULLSHIT!!! ;-)

    Natürlich kein Wort darüber, dass sich einige Verlage selbst ganz gerne mal im Internet ohne Beachtung des Urheberrechts bedienen.

  3. Erstellt am 16. Juli 2009 um 11:44 | Permanent-Link

    Ist ja furchtbar, besonders der Herr Professor. Es ist doch ein Widersinn, dass wir Wissenschaftler steuergeldfinanziert forschen und schreiben und am Ende die Bibliotheken für diese Texte auch noch Geld ausgeben müssen. Da zahlt der Steuerzahler doch doppelt. Alle wissenschaftlichen Texte sollten frei zugänglich für jedermann sein. Wenn dann noch jemand ein Buch haben will, kann er es doch beim Verlag kaufen. Der könnte auf book on demand umstellen. Ich denke nicht, dass das Buch aussterben wird. Schließlich habe ich selber lieber Bücher in der Hand als einen unergonomischen Stapel Ausdrucke aus dem Internet (ja, ich drucke aus ;-) )

  4. Treknor
    Erstellt am 16. Juli 2009 um 13:10 | Permanent-Link

    na die typen sind ja mal wirklich der oberknaller..

    ich glaube die würden ganz gut mit dem indischen kastensystem klarkommen.. sie als Brahmanen und ein ALGII Empfänger wäre dann ein Jati .. ne ist klar.

    wenn ich sowas lese..sorry, aber da folgt dann eine trotzreaktion. JETZT ERST RECHT !!

  5. Erstellt am 16. Juli 2009 um 13:58 | Permanent-Link

    Dass immer gleich das Strafrecht ran muss. Natürlich wird vieles leichter, wenn wir alles strafbar machen, was uns nicht gefällt.
    Aber in was für einem Staat leben wir denn dann?

  6. Erstellt am 16. Juli 2009 um 14:08 | Permanent-Link

    Lieber Milo,

    der Steuerzahler zahlt nicht doppelt, er zahlt dreifach! Erstens den Wissenschaftler/Autor, danach die Kosten der Veröffentlichung und dann die Beschaffung durch die Bibliothek. Und ja, es ist Irrsinn…

  7. Erstellt am 16. Juli 2009 um 14:28 | Permanent-Link

    Mal von der anderen Seite aus:

    Google verteht die Aufregung der Verlage nicht und verweist auf die simple Möglichkeit sich aus dem Index zu nehmen. ;D

    http://googlepolicyeurope.blogspot.com/2009/07/working-with-news-publishers.html

    via: The Guardian PDA-Blog
    http://www.guardian.co.uk/media/pda/2009/jul/16/google-newspapers-robots-block-suggest

  8. Erstellt am 16. Juli 2009 um 21:09 | Permanent-Link

    Oje. Es waren nicht nur Intellektuelle, es waren dämliche Intellektuelle. (Frei nach Walter Moers)

  9. Dominic
    Erstellt am 17. Juli 2009 um 11:07 | Permanent-Link

    “Selbsthilfegruppe”?! Das assoziiere ich spontan mit Leuten, die einen (oft psychisch bedingten) Knacks weg haben und sich zusammentun, um zu lernen, wie sie mit ihrem Problem in der Gesellschaft klarkommen koennen. Passt eigentlich: AA – Anonyme Autoren ;-)

3 Trackbacks

  1. [...] So wird es dann hoffentlich auch in dieser Debatte aus dem Glashaus des Urheberrechts enden. Besonders hervorstehende Sprachspielereien und Formulieren sollte man dennoch schon aus Gründen der Dokumentation sammeln. Netzpolitik.org hat jedenfalls auch eine gewisse Freude daran: Die Selbsthilfegruppe “Heidelberger Appell” tagt. [...]

  2. Von Autorschaft als Weltherrschaft am 16. Juli 2009 um 23:11

    [...] Eine weitere Zusammenfassung findet sich bei Andrea Diener „open exzeß mit viagra-werbung“ und zu guter Letzt kommentiert auch Thierry Chervel vom Perlentaucher in „Die Früchte des Internets“. Letzten Endes kann man sich nur wundern, wie man es, auch wenn man nur Halbwissen vorweisen kann, mit ausschließlich mit Ressentiments und falscher Empörung so weit in unserer Medienlandschaft bringen kann wie die „Selbsthilfegruppe Heidelberger Appell“. [...]

  3. [...] nur, daß die Kulturschaffenden das selbst noch nicht begriffen haben, wie der Heidelberger Appell zeigt. Denen müßte man klarmachen, daß Open access, Remix und Mashup kein neumodischer und [...]

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